Sterben und Leiden als gerechte Strafe?

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Der Sündenfall von Adam und Eva über einem Hauseingang in der Altstadt von Pirna an der Elbe aus dem Jahre 1525. Foto: epd/F
Der Sündenfall von Adam und Eva über einem Hauseingang in der Altstadt von Pirna an der Elbe aus dem Jahre 1525. Foto: epd/F

Wie sich das Alte Israel Sterben und Unterwelt vorstellte (2): Folge von Sünde und Schuld

Jenseits des Jordans hebt ein Wettersturm Elias in den Himmel – ein feuriger Wagen mit ebensolchen Rossen begleitet dies Ereignis (2. Kön 2). Drei Elemente sind an Elias spektakulären Abschied beteiligt: Das Wasser, das der Prophet und dann sein Nachfolger Elias wie einst Mose am Schilfmeer und Josua am Jordan teilen können, stürmische Luftverhältnisse, vielleicht dabei sogar Regen, sicher aber Feuer. 

Ein Element fehlt in beredter Weise beim Abschied des Propheten, der gegen den Abfall seiner Zeit von Gott kämpfte: Staub oder Erde. Sind daraus nicht alle Menschen erschaffen und kehren dorthin zurück, sobald Gott ihnen den Lebensatem nimmt (1. Mose 2, 7)? Wenn Bücher des Alten Testamentes über Sterben und Leid sprechen, findet sich oft dieses Bild. Nur hier nicht. Erst nach der Rückkehr des Nachfolgers Elias werfen sich die „Prophetenschüler“ vor ihm auf die Erde (2. Kön 2, 15).

Hauch Gottes belebt Staub

Staub ist seit dem 2. Schöpfungsbericht das Element des sterblichen Menschen: Gott formt dort den Menschen aus Erde und haucht ihm dann seinen Lebensatem ein – beinahe ähnlich, wie er gerade zuvor mit Regen und einem „Strom aus der Erde“ alle zuvor geschaffenen Pflanzen bewässert (1. Mose 2).

Inmitten des Gartens Eden befinden sich der Baum des Lebens „und“ der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (1. Mose 2, 9 b). Das klingt so, als sei von zwei Bäumen die Rede. Während des Sündenfalls selbst jedoch berichtet Eva der Schlange von dem Verbot „von den Früchten des Baumes mitten im Garten“ (1. Mose 3, 3) zu essen. 

Von welchem? Erst in Vers 22 wird ausdrücklich gesagt, dass sich der Mensch noch nicht am „Baum des Lebens“ vergangen hätten. Gott befürchtet nun, dass der Mensch auch Früchte davon „esse und lebe ewiglich“. Waren Adam und Eva schon im Paradies sterblich? Neben der Vertreibung daraus verfügt Gott erst da: „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (19 b). Hakt da die Geschichte? 

Das Motiv vom Lebensbaum soll erst später in die Handlung eingefügt worden sein, so Exegeten. Dies soll wohl erklären, warum Menschen einerseits die Möglichkeiten zur Erkenntnis besitzen, die sie weit über die Schöpfung erhebt, sie andererseits aber sterblich selbst sind. 

In der endgültigen Zusammenstellung – wie sie wohl 450–400 v. Chr. geschah und uns sowie der alttestamentlichen Weisheitsliteratur bekannt ist – ist also Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies und endgültiger Entzug des Lebensbaums in einen Zusammenhang gestellt. 

Tod + Not wegen Schuld?

Wenn Adam und Eva durch ihre Übertretung also die Möglichkeit zum ewigen Leben verloren haben – kann dann auch ein gottloser Mensch vor seiner Zeit sterben (Pred 7, 17)? Ja, so manche Aussagen der späteren Weisheitsliteratur: Der Prediger Salomo warnt genauso wie die Spruchweisheiten: „Wer aber das Böse sucht, dem wird es begegnen“ (Spr 10, 27) und öfter ähnlich. Genauso hat der Frevel des Volkes Israel zum Untergang und Exil geführt.

Die Weisheitsliteratur, die nach dem Exil ab etwa 400 vor Christus, aber eher noch in hellenistischer Zeit gut 150 bis 200 Jahre später entstanden ist, diskutiert diese Grundfrage nach den Verbindungen zwischen Tod und Schuld neu: Ihre Zeit war zunehmend durch die griechische Philosophie geprägt. Der Tun-Ergehens-Zusammenhang lässt sich auch umkehren: Haben dann nicht leidende Menschen Schuld auf sich geladen, die ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist? Das ergibt quälende Fragen nach seinem Grund. 

Dagegen setzen Gläubige die Zuversicht: Es gibt auch Bedrängnis, die sie niemals verursacht haben: „Starke rotten sich wider mich zusammen ohne meine Schuld und Missetat“ (Psalm 59, 4b). Auch der Beter im 22. Psalm (den nach Markus und Matthäus auch Jesus am Kreuz schreit) ist „ausgeschüttet wie Wasser“, „wie zerschmolzenes Wachs“ und die „Kräfte sind vertrocknet“: Aber: „Du hast mich erhört“ (Vers 22). Die Schuldfrage für das Leiden kommt nicht auf. Diese Beter wissen: Wenn sie lange genug ausgeharrt hat, rettet der Herr sie. 

„Wie lange?“, schreit der Betende in dem ersten Bußpsalm (6, 4), soll die Not währen? Dringend ist seine Bitte um Rettung – und auch im Interesse Gottes: „Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken“ (Vers 6)? In Psalm 13 kommt nach der vierfachen Frage nach der Dauer der Bedrängung endlich Zuversicht.

Im besonderen Maße ringt Hiob damit: Er ist sich sicher, dass sein Leid nicht aus irgendeinem, ihm unbekannten eigenen Fehlverhalten folgen könnte. Schließlich gehe es auch großen Frevlern gut (Hiob 21). Und dies, obwohl Hiob nichts von der Wette Gottes mit dem Teufel weiß, die sein Leid verursacht. Dies Buch nimmt wohl nicht zufällig öfter die Bilder vom „Staub“ seiner leidenen Existenz (7, 21), und vom Odem auf: „Lass ab von mir, denn meine Tage sind ein Hauch!“ (16). 

Ein gerechter Ausgleich kann im Horizont des Hiobbuches nur während des irdischen Lebens geschaffen werden – was Gott auch schließlich tut (Kapitel 42) – obwohl sich die Frage stellt: Was ist mit den vernichteten ersten Familienangehörigen? Doch das wird nicht diskutiert.

Ausdruck einer Krisensituation ist auch das jüngere Predigerbuch. Durch die hellenistische Weisheit trägt das überlieferte Wissen auch zur Schuld und Sühne nicht mehr. Alles ist Windhauch, so Kohelet über irdisches Mühen vom Anfang bis zum Ende (1, 2; 12, 8). Doch das öffnet den Blick für das Eigentliche: Zufriedenheit im Augenblick.

Überwindung des Todes?

Und das bereits zu einer Zeit, in der gerade Märtyrer für den Glauben auf „ewiges Leben“ (2 Makk 7, 9) vertrauen. Die Erwartung einer Auferstehung wird jedoch nur an ganz wenigen Stellen beschworen (Jes 26, 19 Dan 12, 2 und Hes 37), wobei es allerdings um die Wiederherstellung des Volkes geht. Elia, der einst gegen den Abfall kämpfte, wird nun den „Zorn“ Gottes stillen, so gerade die jüngsten Schriften des Alten Testaments (Sir 48, 10/ Mal 3, 23).

Die Leidenden erfahren Trost und Heil, so der 2. Jesajateil in der Perserzeit. Der Gottesknecht stirbt stellvertretend für das Volk, um Israel zu trösten und den Völkern Licht zu bringen (Jes 49 und 53). Alle Fremdherrscher sollen vor dem Gottesvolk niederfallen und „deiner Füße Staub lecken“ (49, 22). Susanne Borée

Stuttgarter Erklärungsbibel 2023, ISBN 978-3-438-03333-8. Bibelworte in dortiger Lutherübersetzung 2017.

Schmid/Schröter: Entstehung der Bibel, 2019, ISBN 978-3-406-73946-0, bes. Seiten 179–205.

Vieweger: Geschichte der bibl. Welt, 2019, Band 1, S. 252–274, ISBN: 978-3-5790-1479-1.