Erstarrtes fließt wieder

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Schaffensprozess mit Glas

Und ich sah, wie sich ein gläsernes Meer mit Feuer vermengte, und die den Sieg behalten hatten über das Tier […] und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen nd sangen das Lied des Mose, […] und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! 

Aus Offenbarung 15, 2–3

Mit farbigem Glas zu malen, ist wie mit der Sonne selbst zu malen.“ Robert Christ, der Prokurist der Glashütte Lamberts in Waldsassen zitiert einen holländischen Glasmaler. Die Glasherstellung geschieht in Waldsassen noch per Hand. 

Feuer spielt dabei eine entscheidende Rolle. Durch Feuer entsteht flüssiges Glas. Starres beginnt zu fließen, wird weich und formbar. 

Durch harte körperliche Arbeit und viel Leidenschaft entstehen einzigartige Kunstwerke. Das orangefarbene Glaskreuz auf dem Bild ist nur ein kleines Beispiel. Die Sonnenstrahlen sammeln sich in den kleinen Lufteinschlüssen, in der unregelmäßigen Oberfläche des mundgeblasenen Glases. Leben und Bewegung entsteht.

Der Schreiber der Johannesoffenbarung sieht in seinen Visionen ungeheuerliche Bilder. Sein Schreiben richtet sich an Leser, die Trost und Zuversicht bitter nötig haben. Sie leben in Zeiten des Umbruchs, in Zeiten von Krieg und Katastrophen. Sie werden verfolgt, fühlen sich hilflos und ausgeliefert. 

In dieser aussichtslosen Situation, in der alles aus den Fugen geraten zu sein scheint, wirft der Seher Johannes einen Blick zurück.

Mose gerät in den Blick, wie er nach sorgenvollen Tagen und Nächten ein überschwängliches Loblied auf Gott anstimmt. 

Dass sich Sorge und Angst in Lob und Bewunderung für Gottes Werke verwandeln ist vermutlich ein ähnlich aufwendiger Prozess wie die Glasherstellung. Entscheidend ist in beiden Fällen eine Kraft von außen, die das Feuer zum Lodern bringt. 

Was erstarrt ist, muss wieder zum Fließen gebracht werden, damit Leben formbar bleibt und Herausforderungen bewältigt werden können.

Gott, der uns oft verborgen erscheint, hat die Kraft nach der wir uns sehnen. Im Frühling zeigt Gottes Lebenskraft was sie kann. Aus kahlen Zweigen brechen sanfte, überschäumende Blüten und zarte, grüne Blätter hervor. Glitzerndes Sonnenlicht tanzt in meinem orangefarbenen Glaskreuz. Ein Bild entsteht. Da kommt jemand auf mich zu, will mich freudig umarmen oder vielleicht sogar segnen. 

Ein starrer Glasklumpen berührt mein Herz, weil andere Menschen mit ihrer Hände Werk und ihrer Leidenschaft etwas sichtbar gemacht haben von der Liebe Gottes, die alles ins Fließen bringt.

Pfarrerin Dr. Stefanie Schön in Tirschenreuth-Waldsassen,

nordöstliche Oberpfalz, Dekanat Weiden

Gebet: Gott, wenn mein Inneres erstarrt, wenn meine Miene starr wird, wenn mein Leben schwer ist, dann durchdringe mich mit deinen wärmenden Strahlen. Mach mich lebendig und formbar. Mach mich erwartungsvoll auf das, was kommt. Amen.