Gutes tun ohne Verwurzelung im Glauben?

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Bereits vor zwei Jahren beschäftigte sich eine Lüneburger Schau mit Kant: Hier zeigt es eine Standuhr aus seinem Besitz sowie ein Porträt.Foto: epd/F
Bereits vor zwei Jahren beschäftigte sich eine Lüneburger Schau mit Kant: Hier zeigt es eine Standuhr aus seinem Besitz sowie ein Porträt.Foto: epd/F

Lebenslinien: Einige Fäden aus Kants Gedankenwelt zu seinem 300. Geburtstag

Lässt sich seine Philosophie mit der Präzision eines Uhrwerks vergleichen? Verbindlich war für Immanuel Kant die Befolgung moralischer Regeln um ihrer selbst willen: Sein berühmter „Kategorische Imperativ“  forderte: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Dies soll ohne eigennützige Absichten geschehen und sich nicht am Ergebnis messen. 

Schon Kants Zeitgenossen fragten, was etwa mit einer Lüge sei, mit der man Schlimmeres abwenden wollte? Kant entgegnete ungerührt, dass der Nutzen und voraussichtliche Folgen nicht den Grundsatz und unsere gute Absicht in Frage stellen.

Da wagte es eine gewisse Maria von Herbert, sich verzweifelt an den großen Philosophen zu wenden, so Marcus Willaschek in seinem neuen Kant-Buch: Sie habe getreu seiner Maxime ihrem Geliebten eine harmlose Lüge gestanden, worauf er sich von ihr abwandte. Kant antwortete ihr belehrend, dass sie moralisch recht gehandelt habe und die „verlorene Zufriedenheit des Lebens sich sicherlich von selbst finden werde“. Zeitbedingt hielt Kant ohnehin wenig von der Vernunftfähigkeit von Frauen oder Nicht-Europäern.  

Überhaupt bettet Willaschek wichtige Aspekte des Kant‘schen Denkens in dessen Lebensumstände oder Alltagswelt ein. Sie bleiben dennoch komplex, doch zeigen sich so nachvollziehbar. Gleiches zeigt sich in Klemmes Bändchen „Kant. Philosophie für Einsteiger“, der schon 2017 erschien, aber dessen Philosophie prägnant auf den Punkt bringt – inklusive präziser Zeichnungen.

Grundlage der Ethik

Wie also sahen gerade einige wichtige Fäden der Ethik und der Religiosität Kants aus? Die Zehn Gebote und ebenso das Gebot der Nächstenliebe gehen für Kant in den Kategorischen Imperativ auf. 

Mein freier Wille und meine Vernunft befähigen mich dazu, alle Pflichten „als göttliche Gebote“ zu akzeptieren. Eine religiöse Ethik dazu braucht es also nicht mehr. Höchstens noch in der Glaubensgemeinschaft der Kirche sieht Kant die Möglichkeit sich gegenseitig zum Guten zu unterstützen. 

Die Bibel als Offenbarung Gottes erscheint für Kant als historisch nötig – sollte aber genauso durch die Vernunft interpretiert werden wie auch die Religion an sich. Obwohl Kant bewusst protestantisch erzogen worden war, wandte er sich vom Pietismus und von fest etablierten Formen der Religiosität wie dem Kirchgang ab. Nahm er damit heutige Entwicklungen vorweg?

Und glaubte Kant noch? Er entzog den teils schon seit Jahrhunderten bestehenden Gottesbeweisen die Substanz: Weder könne man Gottes Existenz mit logischen Argumenten begründen – noch diese rational widerlegen. Das bedeutete damals eine riesige Erschütterung. 

Aus einer noch so vollendeten Schöpfung lässt sich noch lange nicht auf einen allmächtigen und weisen Schöpfer schließen. Die Vorstellung eines „unbewegten Bewegers“ selbst am Beginn der Schöpfung ist auch möglich ohne die Existenz Gottes anzunehmen. Dies, ohne dass Kant um Urknall und Evolution wissen konnte. Auch dass wir uns einen vollkommenen Gott denken können, beweist nicht notwendig, dass er mehr als ein Produkt unserer Phantasie ist. Wir können uns ein Säckchen mit hundert Talern gut vorstellen und herbeiträumen – doch werden sie dadurch leider noch lange nicht wirklich.

Vereinfacht gesagt können wir Menschen weder Gott erfahren noch wahrnehmen. Und im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Äußerungen können wir auch nicht rational erkennen, ob der Glaube wahr ist. Mehr noch: Durch die Vernunft erkennen wir die Grenzen der Vernunfterkenntnis. Kann die Gottesfrage so aus dem Käfig menschlicher Vernunft befreit werden? 

Dennoch können Menschen gegen besseres Wissen unmoralisch handeln. Doch sieht Kant ein historisches Voranschreiten der Menschheit aus Verderbtheit, aus Schwäche, unlauterer Gesinnung oder „Bösartigkeit“ heraus. Nur in einer von einem gütigen Gott geschaffenen Welt dürfen wir hoffen, so Willaschek, „dass unsere moralisch notwendigen Bemühungen um verdientes Glück, Gerechtigkeit und Frieden erfolgreich sein werden“.

Voranschreiten zum Guten

Und wie geschah Kants eigenes Voranschreiten? „Die Lebensgeschichte von Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben. Denn er hatte weder Leben noch Geschichte“, so witzelte Heinrich Heine bald schon über den berühmten Aufklärer. 

So schlimm ist es wohl nicht. Vor genau 300 Jahren, am 22. April 1724, erblickte Kant als Sohn eines Riemermeisters das Licht der Welt. Förderer erkannten seine Begabung. Seine Mutter, eine fromme Pietistin, starb bereits 1737, als sie sich bei der Pflege Kranker ansteckte. Auch der Vater verstarb früh 1746, so dass der Sohn die Uni ohne Abschluss verlassen und Hauslehrerstellen annehmen musste. Mit 30 Jahren kehrte er nach Königsberg zurück und ließ sich bald promovieren. Er war lange Privatdozent und erst 1770 Professor in Köngsberg. 

Ein Jahrzehnt lang reifte Kants Hauptwerk, die „Kritik der reinen Vernunft“, die 1781 erschien und eine Wende seines Denkens brachte. Im Alter verlief sein Tag wirklich zunehmend regelmäßig, fast mit der Präzision eines Uhrwerks. Er wollte so wohl die Gesundheit schonen, da noch so viele Gedanken auf ihre Ausarbeitung warteten. Er lehrte, bis er 72 Jahre war. Mit knapp 80 Jahren verstarb er im Februar 1804.

Bekannt wurde der Philosoph durch solche prägnanten Sätze wie: „Aufklärung als Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit.“ Oder: „Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen.“ Der Übergang zu einem mündigen Dasein muss jeder Mensch selbst vollziehen – trotz angeborener Faulheit und Feigheit oder auch der Gefahr dabei fehl zu gehen. Doch letztere sinke allerdings durch den Diskussionsprozess der Gebildeten.

Am Ende können wir uns durch tugendhaftes Handeln der Glückseligkeit würdig erweisen und somit ein „höchstes Gut“ erreichen, ergänzt Klemme. Dies muss nicht notwendig so sein, doch als Ziel einer Hoffnung – etwa als paradiesische Erwartung: Es setzt die Unsterblichkeit der Seele voraus sowie einer höheren ausgleichenden Gerechtigkeit. Wieder eine Rolle für Gott? Denn schließlich rang Kant damit, eine Welt zu ertragen, in der Tugend und Glück auseinanderfallen.

Konnte er selbst seinen Anforderungen genügen? Verzweifelt ließ Kant auch Maria von Herbert zurück, so Willaschek. Nach einem weiteren Brief benannte Kant sie als „kleine Schwärmerin“ und gab ihn im Bekanntenkreis als Warnung weiter. Offenbar antwortete er nicht mehr. Sie nahm sich schließlich das Leben.

Heiner F. Klemme und Ansgar Lorenz: Immanuel Kant. Philosophie für Einsteiger, Fink-Verlag 2017, ISBN 978-3-7705-6044-8, 96 S., 19,90 Euro.

Marcus Willaschek: Kant: Die Revolution des Denkens. C. H. Beck 2024, 430 S., 28 Euro, ISBN 978-3-406-80743-5.