Das Schöne wirklich wahrnehmen

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

„Ich freu mich auf dich und auf das Konzert morgen!“, schrieb mir meine Nichte. 

An nächsten Tag würde ich zu ihr fahren, um gemeinsam in ein Konzert zu gehen. Viele, viele Male hatten wir schon gemeinsam und sehr begeistert die Musik eines Sängers gehört. Nun packte ich eine Tasche zusammen. Nur für kurze Augenblicke schlich sich immer mal wieder die Frage in mein Herz, ob es denn wirklich so eine gute Idee war. Obwohl ich die Musik schon seit langem hörte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das live und in einem riesen Veranstaltungsraum sein würde. Würden die zarten Töne überhaupt zu hören sein – in einem Konzertsaal mit vielen tausend anderen Besuchenden?

„Erwartet nie zu wenig. Das ist der Beginn der Herrlichkeit“ übersetzte in dieser Zeit eine Freundin die Osterbotschaft in den sozialen Netzwerken. Und auch wenn die Feiertage schon einige Zeit zurückliegen: Der Satz hat sich festgesetzt. Denn was soll ich sagen: Das Konzert war toll. Selten war ich so tief berührt, wie an diesem Abend. Durch die vielen anderen Menschen schien sich die Stimmung sogar noch zu vervielfältigen. Nie hätte ich es mir schöner ausmalen können, als es dann tatsächlich war. 

Es passiert viel Schlimmes in dieser Welt und manchmal auch in unserem direkten Umfeld. Das ist so und das weiß ich. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Und ein anderes Mal ist es umgekehrt und alles ist schöner, besser und großartiger, als ich es mir je vorstellen könnte. Das ist der „Beginn der Herrlichkeit“. 

Im besten Fall gelingt es einem, beides hinzunehmen. Das Gute wie das Schlechte. Es liegt natürlich an unserer Bewertung. Die wenigsten von uns stecken die schlimmen Phasen unseres Lebens locker weg. Ich kenne es von mir: heimlich oder auch ganz offensichtlich hadere ich da schon – mit Gott oder dem Schicksal, warum diese oder jene Situation jetzt so sein muss. 

Aber manchmal ist es eben anders. Da können wir einen Hauch von der Herrlichkeit erahnen. Da wird alles licht und hell und schön. Da ist es gut so, wie es ist. 

Vielleicht gelingt es mir zukünftig, das Schwere im Leben und der Welt leichter zu „verdauen“ mit dem Wissen, dass es auch immer wieder dazwischen Moment gibt, in denen ich den „Beginn der Herrlichkeit“ spüre.