Mehr Rüstzeiten statt Aufrüstung

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat

Noch sind wir mitten in der Osterzeit. Das vergisst man schnell bei der kritischen Weltlage und angesichts der vielen aktuellen Gefahrenherde. Da frage ich mich, ob Christen in den militärischen Jargon verfallen müssen, der sich gerade breitmacht. Wenn etwa der Bundesminister für Verteidigung immer wieder von „Kriegstüchtigkeit“ spricht, um den Ernst der Lage zu benennen, und dafür noch Lob bekommt, steigt in mir die Skepsis. Wäre es nicht ebenso dringlich, weiter an die Verteidigungsbereitschaft und das bürgerliche Engagement für Freiheit und Frieden zu appellieren?

Dagegen bezieht der SPD-Fraktionschef Prügel, wenn er meint, dass man einen Konflikt auch einfrieren könne, um das gegenseitige Töten zu unterbrechen. Denn stimmt es etwa nicht, dass Russland und die Ukraine eines Tages darüber miteinander reden müssen, um zu einer Einigung zu kommen? Einseitige Zugeständnisse, wie man es aus dem irritierenden Interview von Papst Franziskus heraushören konnte, habe ich aus Rolf Mützenichs Worten nicht entnehmen können.

Auch ihm ist klar, dass Putinrussland menschenverachtend und mörderisch agiert. Doch gehört es auch zu den unumstößlichen Grundlagen christlicher Friedens­ethik, nicht zu dämonisieren und darauf bedacht zu sein, dass das Verhältnis der Kriegsparteien nicht auf ewig zerrüttet bleiben muss. So gibt es hoffentlich immer noch Kontakte zu gemäßigten Kräften der russisch-orthodoxen Kirche, die nicht nur aus dem Holz eines Patriarchen Kyrill geschnitzt sein sollte.

Ich habe beim Nachlesen diverser Osterpredigten jedenfalls zu wenig die erhobene Stimme für ein demokratische Kultur des Ausgleichs und des respektvollen Dialogs vernommen. Eine Ausnahme vielleicht Landesbischof Christian Kopp (wir erinnern uns an seinen Appell bei der Einführungspredigt in Sankt Lorenz, „kompromisslos den Kompromiss zu suchen“).

„Wir beten inniglich um Frieden und Friedensverhandlungen, um Waffenstillstand endlich“, sagte er am Ostersonntag in der Münchner Matthäuskirche. „Waffen werden niemals für einen stabilen Frieden sorgen. Menschen müssen verhandeln, müssen reden.“

Ich meine, dass wir mehr Rüstzeiten im christlichen Sinne brauchen, um der politischen Aufrüstung etwas entgegenzusetzen.