Zerfall aller Wahrheiten?

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Richard David Precht Ende 2023 und Buchcover. Fotos: pa und PR
Richard David Precht Ende 2023 und Buchcover. Fotos: pa und PR

„Mache die Welt“: 4. Band der Philosophiegeschichte Richard David Prechts

Nein, einen Gefallen hat er sich sicherlich nicht getan – durch seine unsäglichen Thesen in Talkshows oder Podcasts war Richard David Precht öfter durch flache oder – besser – sehr steile Sätze aufgefallen, die bedenkliche Klischees verfestigten. Wollte er als ohnehin einer der bekanntesten Philosophie-Dozenten in Deutschland damit für seinen neuen Band der Philosophiegeschichte „Mache die Welt“ mehr Aufmerksamkeit erreichen? Dann ist sein Vorhaben gründlich schief gegangen: Menschen, die ihn vielleicht durch seine Auftritte erst wahrgenommen haben, werden eher nicht zu diesem Werk greifen. 

Andere sind abgeschreckt. Mir selbst ist mit diesem Buch im Urlaub viel Unverständnis begegnet nach dem Motto: „Von ihm liest du noch etwas?“ Ja, und es hat sich gelohnt. Schreiben kann Richard David Precht offenbar besser als reden. 

Seine ursprünglich auf drei Bände ausgelegte Philosophiegeschichte ist jetzt mit einem vierten Band in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angekommen. Offenbar soll ein fünfter Band folgen, der den Bogen zur Gegenwart spannen wird. 

Um 1900 stand die Philosophie zwischen den Ansprüchen der Naturwissenschaften auf objektive Welterkenntnis und der Psychologie zur Selbsterkenntnis jenseits des bewussten Denkens sowie der soziologischen Untersuchung der Gesellschaft. „Die Philosophie muss das Fernrohr nach innen richten, tief in sich hineinsehen“, so Precht in der Einleitung. „Und sie wird es versuchen: Der Aufstand der philosophischen Selbstbeobachtung gegen die psychologische Fremdbeobachtung“ bestimmt die Dispute „Unsere Empfindungen und Vorstellungen sind psychisch, aber unsere Gedanken sind es nicht“, so zitiert Precht den Denker Gottlob Frege.

In diesem Einleitungskapitel spannt der Autor einen weiten Bogen. Es lohnt sich, noch einmal nach der Lektüre der entfaltenden Kapitel darüber nachzudenken. „Wenn die Vernunft allein keinen verlässlichen Zugang zur Wirklichkeit liefert, wird Wahrheit subjektiver, als sie es in der Geschichte der Philosophie je war.“ 

Denn nun gelte: „Statt mit einem hierarchisch geordneten System habe es die Philosophie mit Perspektiven zu tun. Aus der Wahrheit werden Wahrheiten.“ Kann sich dann jeder und jede auch seine eigene Wahrheit basteln – und damit eine eigene Welt gestalten? Führt uns das Precht in seinen Auftritten vor? 

Es galt wohl nicht nur vor hundert Jahren: „Die Welt ist aus den Fugen und muss, je nach Mentalität oder Perspektive, tiefer gelegt oder höher geträumt werden.“ Precht entfaltet in den folgenden Kapiteln: „Was im Leben zählt, lässt sich nicht erkennen, sondern nur aufspüren, ausgraben und ausdeuten“, denn „alles Wesentliche des menschlichen Lebens“ geschieht „jenseits von Logik und Rationalität“ – nur mit einer Bedeutung „für mich“. 

Welche Ursachen und Wirkungen hat das Denken? Wie können dadurch Objekte zu Bewusstseinsinhalten werden? Welche Denkgewohnheiten verfestigen persönliche Assoziationsketten? Darüber dachte Edmund Husserl nach – als die Hirnforschung noch in den Kinderschuhen stand. Dazu folgert Hans Vaihinger, „dass Menschen zu Behelfskonstruktionen, sprich Fiktionen, neigen, um sich im Ungefähren zu orientieren“. So nimmt er das Christentum sowie die großen philosophischen Systeme auseinander. Doch wie kommt er dann in „seine übergeordnete Position, von der aus er so sicher zwischen Wahrheiten und Fiktionen unterscheiden kann“?, fragt Precht. 

Auch Ernst Cassirer dachte darüber nach, wie „Sinnwelten“ entstehen können. Oder sind sie ein Spiegel des Absoluten? Das weist Precht schnell ab. Wie ist das Verhältnis zwischen Außenwelt und dem Bewusstsein, das ihr eine Bedeutung gibt? Kann ein sprachliches oder logisches Modell die Wirklichkeit abbilden, wie Bertrand Russell oder der frühe Ludwig Wittgenstein hofften? 

Gleichzeitig wird wohl Wirklichkeitswahrnehmung in einem Überlieferungskontext geformt, wie Robin George Collingwood zeigte. Und sie hat ihre Grundlagen als auch Auswirkungen in gesellschaftlichen Herausforderungen. Auch diesem „Boden der Tatsachen“ widmet Precht ein Kapitel. Später zeigte Wittgenstein, dass Sprache auch auf sozial geprägte Denkweisen verweist. „Mache ich die Welt“ durch meine Auffassung von Wirklichkeit? 

Verwirrende Auswahl

Alleine diese kleine Auswahl umfasst so viele Namen. Die Gedankenstränge knüpft Precht äußerst dicht mit anspruchsvollen Querbezügen. Dies macht auch den Reiz des Werkes aus – benötigt aber viele eigene Notizen. In zehn Kapiteln stellt Precht jeweils einen Denker oder eine Personengruppe vor. Dabei verwebt er ihre Biographien mit der Darstellung ihrer wichtigsten Gedanken oder Bücher. In einer tabellarischen Übersicht beschränkt er sich auf Lebensdaten und Veröffentlichungen von 41 Denkern – auf nur fünf Seiten. Spannender wäre eine umfassendere Zuordnung von Denkern zu grundlegenden Inhalten gewesen. Das muss jeder selbst heraussuchen.

Gleichzeitig wirft die Gewichtung der Schwerpunkte und Denker bei Richard David Precht manche Fragen auf: Einleitend beschäftigt er sich etwa intensiv mit dem Franzosen Henri Bergson, dem die „Intuition“ wichtig war. Heute hat er sicher weniger Bedeutung als zu seiner Zeit. Zeitgleich schrieben andere. 

Als Gegenpol dann ein Kapitel über Sigmund Freud im Anschluss. „Die erste Höhle, die der selbst erklärte ‚Pionier‘ und ‚Konquistador‘ mit seiner Methode ausleuchtet, ist der Traum“, schreibt Precht. Danke für die Information, doch auf die implizite Wertung nicht nur in diesem Satz hätte ich gerne verzichtet. 

Insgesamt wird öfter leider allzu deutlich, an welchen Gedankengebäuden Prechts Herz hängt oder eben nicht. Von welcher „übergeordneten Position“ unterscheidet Precht selbst? Freuds Spätwerk wie etwa „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ oder „Totem und Tabu“ findet deutlich weniger Raum als die Traumdeutung, obwohl es gedanklich mehr austragen mag. Martin Heidegger mit seiner „Eigentlichkeit“, aber auch seinen politischen Verstrickungen erhält in dem Buch ein umfangreiches Kapitel von fast 50 Seiten, Karl Jaspers wird nur im Vorübergehen erwähnt. 

Sei es drum, spannend ist es gerade dann, wenn Precht sich westeuropäischen Denkern widmet, die hier weniger bekannt sind. Bei allen Anfragen ist beim konzentrierten Lesen viel zu lernen, gerade über wechselseitige Beziehungen zwischen Denkrichtungen. Und immer die Anfrage: Welches Bewusstsein bestimmt mein Denken – oder gerade umgekehrt?

Richard David Precht: Mache die Welt. Eine Geschichte der Philosophie IV, Goldmann-Verlag 2023, 528 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-442-31544-4.