Fromme Frauen in Abwehr des Missbrauchs

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Ikone der heiligen Sophia, der Weisheit Gottes (links). Die heilige Formaïda von Alexandrien (Mittelbild, umrankt von 16 Szenen aus ihrem Leben und Sterben). Beides auf russischen Ikonen im 18. Jahrhundert. Fotos: Borée
Ikone der heiligen Sophia, der Weisheit Gottes (links). Die heilige Formaïda von Alexandrien (Mittelbild, umrankt von 16 Szenen aus ihrem Leben und Sterben). Beides auf russischen Ikonen im 18. Jahrhundert. Fotos: Borée

Heilige, die aus dem Rahmen fielen und doch in ihm auf Goldgrund gebannt sind

Wenn das kein klassischer Missbrauchsfall war! Der eigene Schwiegervater stellte Formaïda nach! Dabei tötete er die 15-Jährige mit dem Schwert – so die Legende. Dass sie in diesem Alter verheiratet war, erscheint normal – wirklich freiwillig?

Doch nach ihrem Tod gelang ihr eine erstaunliche Karriere: Sie wurde schnell zur Heiligen. Und das, obwohl ihr Tod nicht im engeren Sinne aus dem Bekenntnis zu Christus begründet ist. Ihr Los trug sich gerade zum Ende des Römischen Reiches zu – um das Jahr 476 in Alexandria, als es schon christianisiert war.

Das Ikonenmuseum Recklinghausen zeigt aktuell eine Ausstellung zu Frauengestalten auf Ikonen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit zwei befreundeten Museen (siehe Abspann). Alle drei Einrichtungen haben aus ihren Beständen gut 70 Bilder zusammengestellt. Die Schau wandert bald dorthin weiter. 

Frauen, die so aus dem Rahmen fielen, waren verehrungswürdig. Offenbar waren sie gar Identifikationsfiguren – wenn sie auch als Heiligenbild ihr individuelles Gesicht verloren und zu Idealtypen wurden. Eine neue Schablone für ihre Existenz? Verschüttete Schicksale der Frauen aus dem Urchristentum überliefern gerade orthodoxe Ikonen. Diese Abbilder wollen wie ein Fenster durchscheinen zwischen dem Dargestellten und den Betrachtenden. Der Hintergrund ist oft golden, da er sich zur geistlichen Welt hin öffnet.

Nur Jesus bestimmt Leben

Formaïda ist kein Einzelfall – obwohl sich ihr Schicksal bereits in einem christlichen Umfeld zutrug. Viele weitere Heiligengeschichten erzählen davon, wie Frauen und junge Mädchen sich in der Frühzeit des Christentums ihrem scheinbar vorherbestimmten Schicksal entzogen. 

Das typische Thema: Möglichst junge Christinnen verweigerten die Fremdbestimmung über ihren Körper: Entweder wollte ihr heidnischer Vater sie zwangsverheiraten oder ein ebenso heidnischer, in aller Regel viel älterer Mann, über sie verfügen. In der Nachfolge Christi forderten Frauen ihre Selbstbestimmung.

Thekla setzte noch eins drauf: Sie gelobte in der Nachfolge Jesu ein jungfräuliches Leben und verweigerte sich ihrem Bräutigam. Dieser und ihre Herkunftsfamilie waren sich einig, sie zu verstoßen. Als Christin angeklagt sollte sie von wilden Tieren zerrissen werden. Nur leider war sie trotz des drohenden Märtyrertodes vor Augen noch ungetauft – welch größter Schrecken! 

Sie bat rasch noch den Apostel Paulus, der auch anwesend war, die Taufe zu vollziehen – so berichten es die apokryphen Paulusakten. Doch der Apostel wollte nicht, da ihr Glaube noch nicht genug bewährt sei. Rasch taufte sie sich selbst mit Wasser aus dem Graben, der das Publikum von den Tieren trennte. Sie überlebte – oh Wunder! Nun schickte Paulus sie als Missionarin los. Dann vollendete sie ihr Leben als Eremitin. Da wusste schon der Kirchenvater Tertullian: Die Geschichte kann nur eine Fälschung sein! Doch ihre Verehrung blieb. Egal, was sich da historisch zutrug oder nicht: Gerade für viele Frauen war Thekla wohl ein Vorbild – Paulus eher nicht. 

Um sich nicht dem Ungeliebten hingeben zu müssen, entschieden sich diese meist jungen frühen Christinnen dafür, nur Jesus angehören zu wollen – womit andere Männer nicht mehr über sie verfügen konnten. Ihre Anbetung trug durch die Jahrhunderte. Was lösten sie in den Betenden aus – jenseits der frommen Worte der Legenden?

Aber gerade bei „gefallenen“ Frauen war ihre Buße ein wichtiges Thema: So büßte Maria von Ägypten nackt in der Wüste. Als der Mönch Zosimas ihr begegnete, musste er erschreckt erst einmal ihre Blöße bedecken. Sie wird oft halbnackt auf den Ikonen dargestellt, aber so abgemagert, dass selbst ihre Brüste auf den Ikonen nicht mehr sichtbar sind, sondern nur die Rippen durchscheinen – völlig asexuell, aber mit anzüglichen Anspielungen. 

Da erscheint sie wie Maria von Magdala als Büßerin. Auch biblische Frauengestalten zeigen auf Ikonen viele Facetten weiblicher Frömmigkeit – auch verschüttete: Neben den üblichen Verdächtigen wie Maria und Eva auch die blutflüssige Frau oder die Samariterin am Brunnen. 

Die Muttergottes erscheint auf Ikonen auch als Heilerin, die Kranke mit ihrer wundertätigen Milch ins Leben zurückholt. Heilerinnen und Herrscherinnen wie die heilige Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, erscheinen als besonders verehrungswürdige Gestalten, die den üblichen Rahmen sprengen, doch auf Goldgrund gebannt sind. 

Ebenso strahlend Sophia, die Personifikation der göttlichen Weisheit! Sie erscheint nach altchristlichen Traditionen herrlich als thronende und geflügelte weibliche Engelsgestalt. Auf der ausgestellten russischen Ikone (links) umrahmen sie Maria und Johannes der Täufer. Ihre Flügel sprengen den Rahmen des Glorienscheins. Der Auferstandene und Engel bekrönen sie.

Fast pikant dagegen die Entstehung der Formaïda-Ikone, die die Ausstellung zeigt. Ursprünglich war ihr quasi mariengleich gestaltetes Abbild im 18. Jahrhundert nicht zur Stärkung von Frauen, sondern für ein Mönchskloster gefertigt: In Stunden der Versuchung (in der Rolle des Schwiegervaters?) sollte sie die Beter stärken. Heute hören wir solche Überlieferungen über Fremd- und Selbstbestimmung noch einmal ganz neu!

Ausstellung IKONA. Heilige Frauen in der orthodoxen Kunst noch bis zum 17. März im Ikonenmuseum Recklinghausen unweit vom Hauptbahnhof. Danach vom 6. April bis 5. Oktober im Ikonenmuseum in Kampen (NL) und vom 17. Oktober bis 19. Januar 2025 im Frankfurter Ikonenmuseum.