Verlässliche Hilfe in Zeiten der Gewalt

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Dagmar Pruin gedenkt bei einem Gebet in der ukrainisch-orthodoxen Kirche in Butscha den Kriegsopfern.Foto: Diakonie Katastrophenhilfe
Dagmar Pruin gedenkt bei einem Gebet in der ukrainisch-orthodoxen Kirche in Butscha den Kriegsopfern.Foto: Diakonie Katastrophenhilfe

Diakonie Katastrophenhilfe setzt Zeichen der Hilfe gegen den Krieg in der Ukraine

Kurz vor Ostern besucht Dagmar Pruin, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt, die vom Krieg geplagte Ukraine, um sich ein Bild von der Lage vor Ort und der gemeinsamen Arbeit mit lokalen Partnerorganisationen zu machen.

Der Ort Butscha, einige Kilometer vor der Stadtgrenze Kiews, ist in den ersten Kriegstagen Ende Februar 2022 zum Symbol für die Grausamkeit der russischen Invasion geworden. „500 Menschen wurden hier in der vierwöchigen Besetzung getötet“, sagt Andreij Helenov, Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirche in Butscha. Im Hof der Kirche sind 162 Menschen in einem Massengrab beerdigt worden. „Wir hatten keine Möglichkeit, die Leichen auf den Friedhof zu bringen“, so Helenov. 

Er zeigt Bilder, wie Freiwillige und insbesondere Ärzte aus dem nahen Krankenhaus helfen, die Toten zu begraben. Später nach der Befreiung wurden die Leichen exhumiert und auf Friedhöfen bestattet, um ihnen dort die letzte Ruhe zu geben. Die Angehörigen konnten so ihre Freunde und Verwandten identifizieren. So ist fast jeder Tote in Butscha identifiziert. Alle Namen sind auf der Gedenkstätte hinter der hohen, luftigen Kirche aufgelistet. 

Dagmar Pruin legt gemeinsam mit dem orthodoxen Priester und Andrij Waskovycz dem Büroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in Kiew, Blumen nieder und betet. „Dieser Ort macht etwas mit einem. Er bringt die Grausamkeit dieses Krieges, der ja schon weit vor Februar 2022 begann, auf einmal ganz nah – macht sie spürbar“, sagt Dagmar Pruin. „Mich hat gerade die Geschichte einer Familie aus Donezk berührt. Sie waren nach dem Kriegsausbruch in ihrer Heimat im Osten der Ukraine 2014 nach Butscha geflohen um hier Sicherheit zu finden.“ Doch Mutter, Tochter und Sohn fanden den Tod auf der Flucht im Auto. Der Vater verlor ein Bein. 

Die Straße, die während der russischen Besatzung mit Leichen gepflastert war, führt an einigen zerstörten Häusern vorbei. Doch viele haben auch schon wieder neue Dächer, obwohl der Krieg nicht weit entfernt weiter tobt. „Die Stadt heilt äußerlich, doch innerlich werden die Wunden lange brauchen“, sagt Oleksandr Sushko, Direktor der Rennaissance Foundation, einer Partnerorganisation von Brot für die Welt. 

Ausharren im engen Keller

Dagmar Pruin und die kleine Delegation aus Deutschland trifft am Ende der Straße Olena Repiova. Die 41-jährige zeigt auf eine Brache. „Hier stand mein Haus.“ Doch einige Minuten später bricht Olena in Tränen aus, als sie den Besuchenden das Loch im Boden zeigt, das mal ihr Keller war. Etwa vier Quadratmeter, auf denen sie mit ihren zwei Kindern und den beiden Kindern ihres Bruders für eine Woche ausharrte. 

Nach einer Woche gelang ihr die Flucht nach Rumänien und von dort zu Freunden in Zypern, bei denen sie drei Monate verbrachte. „Ich bin nur mit einem Rucksack und einer Wasserflasche geflohen. Ein paar Socken hatte ich für meinen Sohn dabei“, berichtet Olena ungläubig. Nach drei Monaten kehrte sie zurück. Die Trennung von ihrem Mann wollte sie nicht länger ertragen. Heute lebt Olena in einem Fertighaus aus Holz. Sie konnte es mit Hilfe von Spenden aus den USA auf ihrem alten Grundstück aufbauen. Durch das so genannte „Gutscheinprogramms“ der Diakonie Katastrophenhilfe und ihrer Partnerorganisation Child Well-Being Fund erhielt Olena im Winter eine mit 60 Euro pro Monat aufgeladene Geldkarte. Von der über drei Monate gewährten Unterstützung konnte sie eine erste Ausstattung mit Geschirr, Kissen, Decken und Lebensmittel kaufen. Für Olena und ihre Familie bedeutete das eine wichtige Starthilfe.

Aufgrund der großzügigen Spenden nach Ausbruch der vollen Invasion in der Ukraine konnten die Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt ein umfangreiches Hilfsprogramm im ganzen Land starten. Geldkarten wurden ausgehändigt, Lebensmittel verteilt und Gebäude sowie soziale Infrastruktur instandgesetzt. Hilfsteams evakuierten Menschen. Eine Beratungshotline für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist ebenfalls verfügbar. 

„Mit vielen Partnerorganisationen arbeiten wir schon seit Jahrzehnten zusammen, auch vor dem Krieg. Wir begleiten zivilgesellschaftliche Organisationen seit dem Zerfall der Sowjetunion“, sagt Sabine Erdmann, Projektreferentin für Osteuropa bei Brot für die Welt. Sie begleitet Dagmar Pruin auf ihrer Reise.

„In den Jahren vor dem Krieg ging es vor allem darum, besonders verletzliche Gruppen zu erreichen, etwa Frauen, die Opfer von Gewalt und Menschenhandel waren oder Kinder und Jugendliche“, sagt Sabine Erdmann. Doch jetzt benötigen fast alle Menschen psychosoziale Unterstützung, um die erlittenen Traumata und den täglichen Stress, dem sie durch das Kriegsgeschehen ausgesetzt sind, zu begegnen. 

Das spüren Dagmar Pruin und ihre Delegation selbst. In den frühen Morgenstunden verbringen sie zweieinhalb Stunden im Luftschutzkeller des Hotels. Das waren die heftigsten Raketenangriffe auf die Hauptstadt seit Wochen. „Für die Menschen in der Ukraine ist die tägliche Anspannung zu einem Dauerzustand geworden“, sagt Dagmar Pruin. Deshalb bietet die Partnerorganisation La Strada Beratung an – mit Hotline und Messengerdiensten. Zudem bildet sie Mediatoren aus, die bei häuslicher Gewalt und Konflikten in Schulen intervenieren. Diese Fälle nehmen landesweit zu.

„Wir sind unendlich dankbar, dass wir bereits so viel Hilfe anschieben konnten“, so Dagmar Pruin. Aber es bleibe viel zu tun, so die 53-jährige Pfarrerin. „Ich nehme für mich die Tatkraft der Menschen in der Ukraine mit in dieses Osterfest, die sich so für ihr Land und ihre Gesellschaft einsetzen. Sie brauchen weiterhin unsere uneingeschränkte Solidarität und Mitmenschlichkeit.“

Die Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt unterstützen aktuell rund 20 Partnerorganisationen in der Ukraine und den Nachbarländern. Sie evakuieren Menschen aus dem Osten der Ukraine, unterstützen geflüchtete, ältere Menschen und Menschen mit Einschränkungen, eine Unterkunft zu finden. Sie geben Geldkarten an Familien für Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs aus, sie leisten psycho-soziale Unterstützung und helfen Kindern und Eltern, mit den Kriegsfolgen besser zurecht zu kommen.

Anne Dreyer (PR)

Spendenmöglichkeit online https://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/spenden/spenden.php oder bei der Evangelischen Bank, IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort Ukraine.