Knotenpunkt künstlerischen Schaffens

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Hans Holbein d. J.: Solothurner Madonna 1522, Hans Burgkmair d. Ä.: Christus am Ölberg, 1505, jeweils Details. Fotos: © David Aebi, Bern sowie Hamburger Kunsthalle/bpk (Irrgang)
Hans Holbein d. J.: Solothurner Madonna 1522, Hans Burgkmair d. Ä.: Christus am Ölberg, 1505, jeweils Details. Fotos: © David Aebi, Bern sowie Hamburger Kunsthalle/bpk (Irrgang)

Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum widmet sich Augsburger Renaissance-Malern

Luther rühmte ihren Reichtum noch in den Tischreden: Augsburg war zur Zeit der Reformation eine der führenden Reichsstädte. Bereits im Oktober 1518 hatte er sie kennengelernt. Damals disputierte Luther dort drei Tage lang direkt im Anschluss an einen Reichstag mit Kardinal Cajetan in den Fuggerhäusern am Weinmarkt. Schließlich verweigerte er den Widerruf seiner 95 Thesen. Diese selbst waren als Antwort auf eine Augsburger Transaktion entstanden: Zuvor hatte sich Kardinal Albrecht von Brandenburg für seine kirchliche Ämterhäufung Geld von den Fuggern geliehen, das er durch Ablässe wieder beschaffen wollte. Der Papst seinerseits hatte vor, dadurch den Neubau des Petersdoms zu finanzieren.

Gleichzeitig war Augsburg nicht nur die Stadt des Geldes, sondern auch des Geistes und Heimat bedeutender Künstler – etwa Hans Holbein der Ältere (um 1465–1524) und Hans Burgkmair der Ältere (1473–1531). Ihnen und der deutschen Malerei in der Zeit der Renaissance hat das Frankfurter Städel-Museum eine Ausstellung gewidmet. 

Als Stadt der Fugger hatte Augsburg eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung. Ferner lag sie verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt der regionalen Interessen der Habsburger. Kaiser Maximilian war daher oft vor Ort: Auch 1518 gerade vor dem Disput Luthers. Da hatte er sich gar von Albrecht Dürer porträtieren lassen, der auch immer wieder mal heranreiste, um Kunstaufträge der Fugger anzunehmen. 

Maximilian ließ sich gerne auch politisch beraten durch den Gelehrten Konrad Peutinger, der als Augsburger Ratsschreiber viele diplomatische Kontakte pflegte – aber auch als Humanist und Autor weit bekannt war. Alle diese Verbindungen gewannen Bedeutung für das künstlerische Schaffen der Stadt.

Trotz aller Weltaufgeschlossenheit bekam in Augsburg allerdings nicht dauerhaft die Reformation die Oberhand. Obwohl bis etwa 1700 der evangelische Bevölkerungsanteil in dieser gemischt konfessionellen Reichsstadt die Mehrheit stellte, blieb der politisch Einfluss der Altgläubigen im Rat bestehen.

Kaiser Maximilian selbst förderte am Lech neue Sakralbauten. Und er legte im Jahr 1500 den Grundstein zum Neubau des Chors von St. Ulrich und Afra, der alten Benediktiner­abtei im Süden der Stadt. 

Natürlich nutzten die Fugger und weitere reiche Augsburger Familien wie die Welsers die „Kunst auch als Instrument der Politik, als Kapitalanlage, als soziale Verpflichtung, als Statussymbol, Ausdruck ihrer Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite und nicht zuletzt als Mittel der Memoria“, so der Katalog der Städel-Ausstellung. Sie beauftragten etwa Bellini in Venedig, Albrecht Dürer und Peter Vischer in Nürnberg und alle wichtigen Augsburger Künstler. Für die neu errichtete Grabkapelle der Fugger in der Klosterkirche St. Anna malte etwa Dürer.

Neue Impulse aus Italien

Der Nürnberger Meister war befreundet mit Hans Burgkmair d. Ä., der bereits 1498 mit 25 Jahren als Malermeister in Augsburg bestätigt wurde. Erste bedeutende Gemälde lassen sich ihm aber erst ab 1501 sicher zuordnen. Als der Nürnberger 1507 von seiner letzten Italienreise zurückkehrte, begab sich auch der kaum jüngere Burgkmair auf eine – wohl nur kurze – Reise dorthin. 

Und ähnlich wie bei Dürer waren seine Eindrücke, „von wegweisender Bedeutung für die weitere Entwicklung und neue graphischen Ideen“, so die Schau. Er verarbeitete italienischen Impulse, „besonders in seinen Holzschnitten Formen der Renaissance und verband sie meisterlich mit der Tradition der Spätgotik.“ 

Danach konnte er sich endgültig „als führender Künstler Augsburgs durchsetzen“. Dürer setzte auch ihm 1518 mit einem Porträt ein Denkmal. Dessen gleichnamiger Sohn Hans Burgkmair der Jüngere „blieb freilich eine künstlerisch blasse Figur“. Er war hauptsächlich als Radierer tätig – die Fußspuren des Vaters waren ihm zu groß.

Holbeins Familienbetrieb

Ganz anders lag der Fall bei Hans Holbein dem Älteren. Er ließ sich nach seiner Gesellenreise nach Köln, vielleicht auch in die Niederlande, um 1493 in seiner Heimatstadt am Lech nieder. Weitere Aufträge führten ihn eher nach Ulm, Frankfurt am Main und in das Elsass. Zu den Schwerpunkten seines Schaffens gehören „Darstellungen der christlichen Heilsgeschichte“. Die „Konkurrenzsituation bestand zwischen Burgkmair und Holbein damit letztlich nur auf zwei Gebieten, der religiösen Tafelmalerei und der Porträtkunst. Bei den Tafelbildnissen fällt indessen eher ein Hinter- denn ein Nebeneinander auf.“ Doch 1517 musste er Augsburg wegen seiner zerrütteten Vermögensverhältnisse verlassen – und starb vor 500 Jahren: 1524.

Alle diese Verbindungen in dieser Kunstepoche, für die Augsburg ein Knotenpunkt war, machen die Ausstellung lohnenswert – trotz der engen verwinkelten Räume und einer Vielzahl an interessierten Menschen. Der Katalog und ebenfalls der Audioguide, der sich schon im Vorfeld kostenfrei als App herunterladen lässt, bieten da viele Informationen.

Bedeutender als der Vater wurde der Sohn Hans Holbein der Jüngere (1497/8–1543), der die Ausstellung beschließt und der 1515 mit seinem Bruder Ambrosius in Basel künstlerisch Fuß fasste: „Zunächst noch ganz von der Kunst seiner Vaterstadt geprägt, hatte Hans Holbein in nur zehn Jahren in Basel in der Auseinandersetzung zunächst mit der altniederländischen Malerei eines Jan van Eyck, dann mit der zeitgenössischen Renaissancemalerei Leonardos und dessen Kreises, zu seiner unverwechselbaren, eigenen künstlerischen Ausdruckweise gefunden.“

Erasmus von Rotterdam, dessen berühmtes Porträt als schreibender Humanist von ihm stammt, war nicht der einzige, der Holbein förderte. Dennoch „müssen ihm die möglichen Konsequenzen der heraufziehenden Reformation für seine künstlerische Existenz früh bewusst gewesen sein.“ 1523/4 reiste Holbein nach Frankreich zu Franz I., der zuvor Leonarda da Vinci am Lebensende aufgenommen hatte. 

1532 zog es Holbein nach England. Vier Jahre später war er Hofmaler Heinrichs VIII., für den er die bekanntesten Porträts fertigte. Auch für dessen Frauen Jane Seymour und Anna von Kleve sowie für Thomas Morus schuf er Porträts, die ihr Bild weiterleben ließen. Leider finden sich seine späten Meisterwerke nicht in der Schau – doch auch hier kamen Geist und Geld oder zumindest Macht zusammen.

Ausstellung im Frankfurter Städelmuseum noch bis 18. Februar dienstags bis sonntags von 10–18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Gleichnamiger Katalog, 360 S., ISBN 978-3-7774-4202-0.