Beten kann Menschen zukünftig verändern

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Herriedener St. Deocar-Brunnen: Sind wir aufnahmebereit wie diese Skulptur, um segensreiche Tropfen aufzufangen? Foto: Kraus
Herriedener St. Deocar-Brunnen: Sind wir aufnahmebereit wie diese Skulptur, um segensreiche Tropfen aufzufangen? Foto: Kraus

Beten für die Erfüllung von Bitten und Wünschen? Gedanken zum Sonntag Rogate

Ein kleiner Wunschprinz war leider nicht so geübt darin, jedes Begehren zu erfüllen: Doch er mühte sich redlich: Wenn also ganz sehnlichst ein neues Fahrrad herbeigewünscht wurde, da das alte einen Platten hatte, tat er alles, um dies zu erfüllen. Dennoch schaffte sein Wünschen nur eine Luftpumpe heran, so dass sein Gegenüber das alte Fahrrad wieder aufpumpen und fahrtüchtig machen konnte. 

Diese rührende kleine Geschichte erzählt Eberhard Martin Pausch in einem schmalen Bändchen, in dem er unter dem Titel „Ferner Nachbar Gott“ über zeitgemäße Zugänge zum Gebet nachdenkt. 

Schließlich ist auch ein Gebet keine Wunscherfüllungsmaschine. Selbst im Neuen Testament finden sich Beispiele, dass gar die innigste Bitte Jesu keine Erhörung fand. So etwa in seiner dunkelsten Nacht im Garten Gethsemane, als er darum bat, dass der „Kelch“ an ihm „vorübergehen“ möge (Markus 14, 36 ff. und par). Auch die wiederkehrende Bitte des Apostels Paulus um Heilung wird nicht erfüllt. 

Wenn Gebete die Wirklichkeit verändern könnten, dann nicht, indem sie bisherige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durchbrechen. Nein, sondern als „zeichengebende Ereignisse“, wie es bereits Paul Tillich formulierte, überwinden sie unsere Begrenztheiten.

Ganz ähnlich erzählte Martin Luther in seinen Tischreden davon, dass er einst um die Heilung des kranken Philipp Melanchthons gebetet habe: Dieser wurde tatsächlich gesund. Doch seien solche Wendungen eher Beispiele für „schlechte Miracula“, nur für die „Schwachen im Glauben“ gedacht. Die Geburt eines Kindes und die Taufe, Sündenvergebung und Abendmahl sind für den Reformator viel größere Wunder. Dazu müssten keinerlei Naturgesetze durchbrochen werden, sondern Gott als den „liebevollen Schöpfer“ und sein „Wesen der Liebe“ erfahrbar sein, ergänzt Pausch.

Wenn also Gott Gebete erhört „heißt das nicht, dass er die in ihnen enthaltenen Bitten erfüllt“, meint der Autor weiter. Er höre in die Menschen hinein. Das neutestamentliche griechische Wort „eisakouein“ (vgl. etwa Lk 1, 13) für Erhörung bedeute im direkten Sinne genau dies. 

Beten könnten Menschen auch im Sinne der Pascal’schen Wette: Wahrhaftige Bitten können nicht zum Schlechten führen, wohl aber möglicherweise zum Guten. Immer noch gibt es viele Gründe, die an Gottes gütigem Handeln zweifeln lassen. Ein Gegenbeweis lasse sich nicht durch Gebete führen, wohl aber die eigene Haltung verändern. 

Durch ein Gebet verändere sich der oder die Betende selbst, „indem er sich für Gott öffnet und seine Bitte in den Horizont des Willens Gottes stellt“. Durch diese Veränderungen im Inneren des Betenden verwandelt sich auch bereits ein Teil unserer Wirklichkeit: Es ginge nicht um Wunder, sondern darum die innere Haltung zu verändern, sich aus der eigenen Verkrümmung und Verknöcherung zu lösen.

Diese Überlegungen Eberhard Martin Pauschs sind der Mittelpunkt seines Nachdenkens über die Kraft der Gebete – und dies nicht nur (fast) innerhalb der Seitenaufteilung seines Büchleins. Sie stellen die Essenz der „Zugänge zum Gebet“ dar. Eingewoben sind sie in grundsätzliche Überlegungen zur Gebetspraxis.

Als ehemaliger Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover und Reformationsbeauftragter der Evangelischen Kirche für Hessen-Nassau ist Pausch nun seit einigen Jahren Studienleiter der Evangelischen Akademie in Frankfurt. Verfasst hat er seine Gedanken zum Gebet während eines dreimonatigen Sabbaticals, das er 2023 an der Frankfurter Goethe-Universität verbrachte. Dort engagierte er sich bei der Co-Leitung eines Seminars zur Gebets-Theologie, woraus diese Veröffentlichung entstand.

Rahmung der Reflexionen

Im ersten Teil des Büchleins umkreist er daher das Wesen des Gebets als „empirisches Phänomen“, sowie seine „Relate“, „Elemente und Sprachformen“ bis hin zu einer „Matrix“ seiner Elemente, Ableitungsformen und Bezüge zur Zeitachse des Wünschens. Das mag für ein theologisches Seminar von Bedeutung sein und die Überlegungen vervollständigen. Doch zur persönlichen Reflexion der inneren Haltung der Betenden trägt es wohl nicht so viel bei. Umso spannender dann aber die Mittelachse – sofern die Lesenden dies Büchlein vorher nicht aus der Hand gelegt haben.

Spannender jedenfalls sind alltagsnähere Überlegungen im letzten Drittel des Buches: Gibt es auch ethisch „falsche“ Gebete? Sicher, wenn sie dazu führen sollen, andere zu verdammen. Auch, wenn es um den Sieg der eigenen Seite geht, sind sie nach heutigem Verständnis unhaltbar – da sei nur an das „Gott mit uns“ im Ersten Weltkrieg erinnert. Daneben gleichfalls, wenn sie unmoralisch, manipulativ oder unwahrhaftig sind oder sich an den falschen Adressaten – an Götzen oder gar den Teufel – richten, geschieht eine bösartige oder tragische Umkehr des eigentlichen Gebetsgedankens.

Christen dürfen beten, müssen dies aber nicht. Immer wieder wandte sich Jesus gegen eine öffentliche Gebetspraxis, in der die Betenden sich als vorbildhaft darstellen wollten. Im Vergleich zu Meditationen hätten Gebete eine größere existentielle Relevanz.

Lässt sich mit anderen Religionen beten – nicht nur neben- oder nacheinander, sondern im Miteinander? Da gelte es unterschiedliche Identitäten und Vorstellungen von Würde zu achten: sowohl die eigene christliche als auch die fremden Ideen von Gott. Gemeinsamkeit sollte darin bestehen, dass es den miteinander vereinigten Betenden „zumindest möglich erscheint, den Schöpfer der Welt als den Gott zu verstehen, der in seinem Wesen die Liebe selbst ist“, wie Pausch es formuliert. 

Und wie steht es um Gebete mit künstlicher Intelligenz – wofür ja der Nürnberger Evangelische Kirchentag ein Beispiel gab? Doch kann die KI wohl kein Vertrauen empfinden. Insofern kann sie vielleicht Gebetstexte vorschlagen oder uns vorgaukeln, dass wir im Gebet nicht allein sind – doch blieben ihr existentielle Dimensionen verschlossen.

Das ist für Pausch wichtig: Am Anfang und Ende des Büchleins stehen persönliche Bekenntnisse zur Kraft des Gebetes von Kindheitstagen an. Dies rahmt seine Gedanken eindrücklich ein. Schon als kleiner Junge erfuhr er, dass manche Gebete erhört werden – andere nicht. Der Umgang mit diesem Phänomen prägte ihn. Gebete können Menschen aufrichten und verändern oder ihnen zumindest dazu Werkzeuge an die Hand geben. Kann dies gelingen?

Eberhard Martin Pausch: Ferner Nachbar Gott. Liberale Zugänge zum Gebet. Eva-Verlag Leipzig 2024, 192 S., 36 Euro, ISBN 978-3-374-07575-1.