Tiefe Gräben überwinden

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Äthiopische Priester bei einem Gottesdienst. Foto: pa
Äthiopische Priester bei einem Gottesdienst. Foto: pa

Kontakte zwischen äthiopischer Kirche und deutschen Lutheranern überwinden Exotik

Ende Mai 1534 bekamen Martin Luther und Philipp Melanchthon in Wittenberg einen Besuch aus weiter Ferne: Der Mönch und Diakon Abba (Vater) Mika’el weilte mehrere Wochen in der Geburtsstadt der Reformation. Er diskutierte offenbar mit den Reformatoren über die theologischen Fragen. Das beschreibt Stanislau Paulau in der Reminiszere-Broschüre der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 

„Es handelt sich bei diesem Dialog um keine folgenlose theologiegeschichtliche Kuriosität“, so Paulau in der EKD-Broschüre. „Vielmehr belegen Predigten und Tischreden Luthers, dass für ihn die Vorstellung von der Verbundenheit im Glauben mit den Christen Äthiopiens auch in den darauffolgenden Jahren theologisch wichtig war.“ Vielleicht formten sich gar theologische Gedanken Luthers durch das Treffen weiter aus.

Paulau belegt, dass Martin Luther dem äthiopischen Gelehrten ein Empfehlungsschreiben auf Latein ausstellte, mit dem dieser nach Straßburg zu Martin Bucer weiterreisen wollte. Ob er jedoch dort ankam, ist nicht mehr belegt.

Abba Mika’el sprach laut Melanchthon weder Latein noch Griechisch, sondern verständigte sich recht und schlecht auf Italienisch. Paulau vermutet, dass er vielleicht sogar einige Zeit in einem äthiopisch-orthodoxen Kloster in Rom gelebt haben könnte. Auch in Kairo oder Jerusalem gab es damals solche äthiopisch-orthodoxen Klöster.

Im 16. Jahrhundert wuchs die Welt selbst an dieser Stelle zusammen. Es gab etwa enge Verbindungen Portugals nach Äthiopien, nachdem Vasco da Gama Afrika umrundet hatte. Gemeinsam kämpften Portugiesen und Äthiopier gegen Moslems. Äthiopische Gesandte bemühten sich um Kontakte nach Europa, bevor die Zentralmacht durch den Zerfall in regionale Fürstentümer bis Mitte des 19. Jahrhunderts geschwächt war. Gleichzeitig fiel auch die Unterdrückung weg.

Dennoch blieben alte Traditionen wirksam: Die Herrscher leiteten ihre Dynastie vom König Salomo her, der einen Sohn der Königin von Saba gezeugt haben solle: Dieser gründete diese afrikanische Dynastie. Auch das Christentum am Horn von Afrika ist uralt. Bereits der Apostel Philippus soll den dortigen Kämmerer getauft haben (Apg. 8). Im Jahr 328 hat alten Traditionen nach Kirchenvater Athanasius von Alexandrien, wie im Sonntagsblatt Weihnachten 2021 dargestellt, Frumentius zum Bischof von Äthiopien ernannt. 

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche hatte lange enge Verbindungen zu den Kopten. Sie ist alttestamentarisch geprägt: Nicht nur die alte Bundeslade soll ins äthiopische Aksum gelangt sein, sondern äthiopische Christen halten etwa den Sabbat und essen kein Schweinefleisch. Ihre Bibel umfasst mehr Bücher als für den Rest der Christenheit: Es gab auch alte jüdische Gemeinschaften in Äthiopien.

Die Kirche betont die enge Einheit zwischen der göttlichen und menschlichen Natur Christi. Nachdem der Islam sie von anderen Kirchen abgeriegelt hatte, nahm sie eine eigene Entwicklung. Exotische Riten und Zeremonien sowie lange Fastenzeiten bestimmen sie.

Auch innerhalb der Kirchenorganisation spielen ethnische Grenzen offenbar eine große Rolle, das beklagt auch Bruk Ayele für protestantische Kirchen in Äthiopien in der EKD-Broschüre. Im 20. Jahrhundert sollten sich in Äthiopien verstärkt Einheitsbestrebungen durchsetzen – auch in Abwehr gegen koloniale Mächte wie Italien. Wolbert G. C. Smidt geht dort noch weiter: „Die sogenannten ethnischen Probleme sind in Wirklichkeit oft Probleme mit einer expansiven und übergriffigen Staatsgewalt, die lokale Land- und Selbstverwaltungsrechte wenig respektiert“. 

Dann wurde alles schlimmer: Eine sozialistische Revolution erschütterte das Land. Die orthodoxe Kirche war nicht länger Staatskirche. Sie erfuhr Enteignung und Unterdrückung. Dürre und Heuschrecken verstärken wohl auch Aggressionen.

=> Mehr dazu in unserem Artikel: Hunger als Kriegswaffe

Gemeinde in Deutschland

Da kam die äthiopisch-orthodoxe Kirche erneut nach Deutschland, nachdem seit Mitte der 1970-er Jahre immer mehr Geflüchtete aus Äthiopien hier Zuflucht fanden. 1981 begann Erzpriester Dr. Merawi Tebege mit Gottesdiensten in einem Studentenwohnheim in Heidelberg. 

Seit Jahrzehnten leitet der nun 83-Jährige die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Köln. Aus den ersten Anfängen sind rund zwei Dutzend Gemeinschaften äthiopischer Christen in Deutschland entstanden – auch in Nürnberg oder Würzburg.

Und die Kölner Gemeinde erweitert gerade ihre Gemeinderäume, berichtet Alle Feleghe Selam-Weyer im Videogespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern. 

Sie kam 1977 mit 19 Jahren nach Deutschland und hat hier geheiratet. Lange war sie im Kirchenvorstand der Kölner Gemeinde tätig, nun kümmert sie sich um die Erweiterungsbauten. Gerade für den Ausbau der Sonntagsschulen und der Jugendarbeit seien sie notwendig. 

Immer wieder betont sie ihre Dankbarkeit gegenüber den evangelischen Gemeinden, die sie von Anfang an unterstützt haben. Die ökumenische Zusammenarbeit sei für sie sehr wichtig gewesen.

Neben vielen Spenden für ihre eigene Gemeinde sammeln sie aber auch Gelder für Äthiopien – etwa für Klöster, die dort viel verloren hätten. Aber genauso für Wasserpumpen in Dürregebieten, für den Aufbau von Mühlen oder auch Kerzenfabriken. 

Allerdings betont sie auch, dass ihre Gemeinde keinesfalls politisch Stellung beziehen will. Denn die Einheit der Gemeinde ist ihr wichtig. So erleichtert es sie, dass selbst mit der eritreischen Gemeinde eine hervorragende Zusammenarbeit bestünde. Dieses Land spaltete sich 1993 von Äthiopien ab. Es gab immer wieder teils massive Kriegshandlungen mit Äthiopien. Erst 2018 unterzeichneten beide Staaten ein Friedensabkommen. Und nun helfe etwa auch ein Diakon der eritreischen Gemeinde in Köln bei ihnen aus, wenn der Amtsbruder der äthiopischen Kirche verhindert sei. 

Doch Erzpriester Tebege habe trotz seines hohen Alters nicht einen Gottesdienst versäumt, betont Alle Feleghe Selam-Weyer. So hoffen sie, dass auch in ihrer Heimat „weiterhin gedeihlich“ religiöse Zusammenarbeit möglich sei – trotz aller Konflikte, die aber doch ihren Grund in manchen Fehlentwicklungen der Kolonialzeit hätten.

=> Mehr über die äthiopische Kirche in Deutschland: http://www.aethiopisch-orthodoxe-kirche-deutschland.de/

Stanislau Paulau: Das andere Christentum. Zur transkonfessionellen Verflechtungsgeschichte von äthiopischer Orthodoxie und europäischem Protestantismus, auch als Pdf frei zugänglich:

=> https://www.vr-elibrary.de/doi/book/10.13109/9783666336041 

Eine Zusammenfassung sowie viele weitere Infos finden sich in der EKD-Broschüre unter: https://www.ekd.de/reminiszere-2023-76380.htm

Siegbert Uhlig u.a. Äthiopien. Geschichte, Kultur, Herausforderungen, Harrassowitz-Verlag 2018.