Grablegung, Versuchung und Auferstehung

122
Giotto di Bondone: „Der Verrat des Judas”, um 1303/05, Ausschnitt mit Dämon im Hintergrund. Padua, Arenakapelle.Bild: akg
Giotto di Bondone: „Der Verrat des Judas”, um 1303/05, Ausschnitt mit Dämon im Hintergrund. Padua, Arenakapelle.Bild: akg “Der Verrat des Judas”, um 1303/05. Ausschnitt. Fresko, ca. 150 × 140 cm. Aus dem Zyklus mit Szenen aus dem Leben Mariä und Christi. Padua, Arenakapelle (Cappella degli Scrovegni), Stirnwand, mittlere Reihe, links.

„Neues Testament – Jüdisch erklärt“ bietet neue Blicke auf Motive rund um die Passion

Kein jüdischer Todesfall und keine jüdische Bestattung aus dem 1. Jahrhundert sind bekannter als Tod und Bestattung Jesus von Nazareth“, meint Steven Fine in dem Standardwerk „Das Neue Testament – jüdisch erklärt“. Er ist Historiker für jüdische Geschichte der Antike. Zur Karwoche lohnt es sich noch einmal, zu diesem Standardwerk zurückzukehren. Dessen Erläuterungen bieten, wie dargestellt, eine spannende Einordnung vieler Details der Jesus-Überlieferung in jüdische Zusammenhänge.

Die Karwoche stellte traditionell einen Höhepunkt der Judenfeindschaft etwa im Mittelalter – und darüber hinaus – dar. Waren die Juden nicht „Mörder Jesu“ gewesen? Hatten sie nicht laut vor Pilatus geschrien: „Kreuzige ihn!“? Natürlich nach der Evangelien-Überlieferung nur die Menschen, die in den Hof des Statthalters passten. 

Doch lassen sich wichtige Elemente der Passion Jesu und seiner Bestattung, des Verrats durch Judas und Jesu Auferstehung in jüdische Traditionen seiner Zeit einordnen? 

Die Grablege Jesu beschreibt der Evangelist Johannes (19,40) folgendermaßen: Sie „banden ihn in Leinentücher mit Spezereien, wie die Juden zu begraben pflegten“. Da gibt es archäologische Parallelen aus dieser Zeit. Angehörige vornehmer Familien wurden damals in Höhlen bestattet: Dort legten Angehörige die Toten in Nischen ab. Die Gebeine wurden dann später in Ossuarien, Knochenkästen, gesammelt.

Ein solcher Kasten aus dieser Zeit soll einen „Jakobus, Sohn des Josef, Bruder Jesus“ enthalten. Ist damit der Herrenbruder identifiziert? Einige Archäologen meinen, dass die Inschrift modern sei. „Sollte die Inschrift echt sein, bezeugt sie lediglich einen Trend in der jüdischen Namensgebung, denn diese drei Namen waren in der damaligen Zeit sehr weit verbreitet“, so Steven Fine.

Dämonische Triebfedern

Es gibt noch andere Vergleichbarkeiten. Der Evangelist Johannes beschreibt, wie der Satan von Judas Besitz ergriff. Jesus reichte dem Verräter beim Abendmahl ein Stück Brot. „Nach diesem Bissen fuhr der Satan in ihn“ (Joh 13,27). Zuvor betont der Evangelist, „dass ‚die Juden‘, die gegen Jesus sind, auf der Seite Satans stehen“: In Joh 8,44 heißt es: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun.“ 

Rebecca Lesses macht sich in ihrem Essay „Übernatürliche Wesen“ – ebenfalls in der jüdischen Erklärung zum Neuen Testament – Gedanken darüber, wie solche „dämonischen“ Glaubensvorstellungen entstanden. Sie lehrt und koordiniert in New York „Jüdische Studien, Philosophie und Religion“. Da beschäftigt sie sich mit Jüdischer Volksreligion oder magischen Bräuchen.

Bei manchen Heilungen kämpft Jesus auch gegen Dämonen. Doch er war nicht allein in seiner Zeit als Wunderheiler unterwegs. Mehrere Gelehrte konnten Kranke durch ihre Frömmigkeit und die Kraft des Gebetes heilen. Sie trieben dabei ebenfalls teils dämonische Mächte aus.

Bedeutet der Kampf gegen das Böse die Abwehr irdischer Gewaltherrschaft oder auch übernatürlicher Gestalten? Da scheint sich die jüdische Überlieferung durchaus nicht einig zu sein. In der späteren rabbinischen Literatur ist eine Teufelsgestalt weniger eine dämonische Figur kosmischen Ausmaßes, sondern eher ein mehr irdischer Ankläger, Verführer oder Aufrührer.

Dem Bild vom Fall Luzifers und seiner Mitstreiter entspringen jüdischen Traditionen. Und der endzeitliche Kampf zwischen den Kindern des Lichts und der Finsternis findet sich in der Qumran-Gemeinschaft.

Wesen, „die an der Macht und Herrlichkeit Gottes teilhatten“, gab es in den jüdischen Vorstellungen um die Zeitenwende öfter, wie Lesses ausführt. 

Zunächst erscheint Satan als ein Mitglied des göttlichen Thronrats, der Hiob prüft und mit Gott die bekannte Wette abschließt. Ebenfalls in Hiob 1 und 2 gibt es „Söhne Gottes“ – als „eine Ratsversammlung göttlicher Wesen, die Gott huldigen“. Die Israeliten werden ebenfalls Söhne Gottes genannt.

Der „Menschensohn“ als Einzelwesen tritt zunächst in Daniel 7,9 ff. im 2. Jh. vor Christus auf – als ein übernatürliches Wesen, das Gott untergeordnet ist. Daraus entwickelte sich Jesu Selbstbezeichnung. 

Auferstehung und Gericht

„Die Aufwertung zahlreicher transzendenter Wesen im Judentum des Zweiten Tempels hin zu einer Stellung neben Gott macht verständlich, wie manche Juden im 1. Jahrhundert, nämlich die Anhänger Jesu, zu dem Glauben gelangen, dass auch er eine göttliche Gestalt sei“, so Lesses. Doch sie fragt: Bleibt Gott dann allmächtig und einzig? Erst die späteren rabbinischen Gelehrten nach dem Fall des Tempels vergrößerten wieder die Unterscheidung zwischen Gott und anderen übernatürlichen Kräften – vielleicht auch in wachsender Distanz zum Christentum.

Ähnliches ist zum Thema „Auferstehung und Jenseitsvorstellungen“ zu beobachten. Da zeigt sich nach dem Essay von Martha Himmelfarb in den Erklärungen ein facettenreiches Bild im Judentum der Zeitenwende. Sie lehrt zum alten Judentum vor dem Aufkommen des Islam. 

Die Frage nach individuellem Lohn oder Strafe im Jenseits kam wohl erst zur Makkabäerzeit kurz vor der Zeitenwende auf: Was geschah mit Märtyrern, die zur Ehre Gottes in den Tod gingen? „Die Erwartung von Lohn und Strafe nach dem Tod ist ein zentraler Aspekt im Weltbild des rabbinischen Judentums, das sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels“ entwickelte. Im Neuen Testament ist es vorausgesetzt.  

Bei Daniel (12,2 f) schlafen die Seelen „im Staub der Erde“ bis zum Jüngsten Gericht. Auch die rabbinische Literatur in der Diaspora erwartete oft Lohn und Strafe nach dem Tod – auch wenn sich in der Thora dazu kaum Vorstellungen finden. 

Beim Kommen des Messias sollen die Toten leiblich auferstehen, so argumentieren antike und mittelalterliche jüdische Theologen bis hin zu Moses Maimonides. Daher lassen sich auch heute noch viele fromme Juden möglichst in Jerusalem bestatten – um den Messias nicht versehentlich zu verpassen – auch wenn „für viele Juden heute diese Glaubensinhalte schwer nachzuvollziehen sind“, so Martha Himmelfarb.

Dass ein einzelner nach drei Tagen aufersteht, das ist dann eine neue Wendung des Neuen Testaments. Im Judentum vermutete man eher, dass die Seele den Körper drei Tage nach dem Tod verlasse, wie eine Anmerkung in dem Standardwerk zu Mt 27 erwähnt. Und in Hosea 3,2 heißt es: „Er wird uns am dritten Tag aufrichten, dass wir vor ihm leben werden.“

Das Neue Testament – jüdisch erklärt. Hg. von Wolfgang Kraus, Michael Tilly und Axel Töllner, Stuttgart, Deutsche Bibelgesellschaft 2021; 976 S., 53 Euro; ISBN  978-3-438-03383-0, besonders Seiten 738–754.