Sagenhaft, strafbar oder verdienstvoll?

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Markus Hirte, Leiter des Kriminalmuseums Rothenburg präsentiert die Schätze der neuen Ausstellung. Foto: Borée
Markus Hirte, Leiter des Kriminalmuseums Rothenburg präsentiert die Schätze der neuen Ausstellung. Foto: Borée

Rothenburger Kriminalmuseum mit neuer Ausstellung über „Schatz und Schatzsuche“

Die Guten erhalten reichen Lohn. Ist es dies Versprechen, das die Schatzsuche so faszinierend macht? Nicht nur sagenhafte Reichtümer erwarten die Entdecker, sondern auch noch ein reines Gewissen beim Wühlen in Gold oder Edelsteinen.

Das Kriminalmuseum Rothenburg bietet in einer großen Sonderausstellung mit rund 150 Exponaten von 20 Leihgebern einen fundierten Überblick über Schatzsuche. Der Katalog dazu gibt intensive Impulse. 

Halt: Was sind Schätze überhaupt? Truhen voller Gold oder der „Schatz im Himmel“ des Evangelisten Matthäus? Reliquien oder die Himmelsscheibe von Nebra? Juristisch sind sie genau definiert: Eine „verborgene oder verlorene Ansammlung“ von Wertsachen, die Menschen hergestellt haben – so lange verloren, dass die Besitzer und Erben nicht mehr feststellbar sind, erklärt Museumsleiter Markus Hirte. 

Im Mittelalter gehörte die Anhäufung von Reichtum ohne Zweck und Verstand zur Todsünde der Habgier. Ganz nebenbei erlösten die Schatzsucher also noch Dämonen oder verlorene Geister – taten also ihre Christenpflicht. Schon damals ließen sich großartige Schätze entdecken. Seitdem Menschen sesshaft waren, verbargen sie ihren Vorrat an Besitz – gerne in der Erde. Dies geschah längst nicht nur in Zeiten der Unruhe oder des Krieges. Doch diese führten dazu, dass die Notgroschen oft nicht mehr geborgen werden konnten. Schätze aus der römischen Epoche, den Umbrüchen der Völkerwanderung oder gar schon aus der Bronzezeit konnten sich bereits da wiederfinden lassen. 

Drachen und furchteinflößende Dämonen bewachten sie. In den ersten sagenhaften Spuren der Schatzsuche – im Beowulf oder im Nibelungenlied – ging es da weniger um die Suche an sich, sondern um den Sieg über die Wächter des Schatzes voller übernatürlicher Kräfte. Die Verfügungsgewalt über den Reichtum ermöglicht es den Helden, die Gefolgschaft reich auszustatten. Ansonsten hatte er kaum Nutzen. Dann brauchte es noch einen Sieg über sich selbst: Der Held des Beowulf war klug genug, seinen Schatz wieder zu verstecken. Auch das Nibelungenlied warnt vor dem Unheil bringenden Schatz, Hagen versenkt ihn im Rhein.

Hingegen brachten Reliquien auf jeden Fall Heil: Sie waren oft in kostbare Behältnisse aus Gold und Edelsteinen gehüllt. Doch der Inhalt hatte einen deutlich höheren Wert – war er doch besonders segensreich. Auch die Knochenreste mussten mühsam geborgen werden, waren doch die ersten Gräber der Heiligen meist verschollen. Doch sie selbst halfen bei der Suche, wollten sie ihn doch ans Licht bringen – auch wenn viele Relikte sich anschließend wundersam vermehrten. 

Die Suche nach dem „Heiligen Gral“ überhöhte dies: Nur der Vollkommene fand ihn am Ende eines mühsamen Weges der Läuterung.

Magisches Eigenleben

Auch die irdischen Schätze gewannen zunehmend ein magisches Eigenleben: Sie konnten in der Erde auf- und absteigen. Beim Graben war zu schweigen, sonst verschwanden sie gleich. Verwunschene Lichter wiesen den Weg. Schätze ließen sich anlocken: Mit magischen Praktiken, Wünschelruten oder Hellseherei gab es einen Weg zu ihnen. Schatzmagier, die den Kontakt zu ihnen herstellten, waren im Gegensatz zu Hexen kaum verfolgt. Viele glaubten selbst an ihre Fähigkeiten, Kontakt zur Anderswelt vermitteln: Soweit einige magische Vorstellungen zu Beginn der Neuzeit.

Der Reformator Martin Luther verurteilte die Schatzsuche als Verstoß gegen die Zehn Gebote: Nicht wegen des Begehrens, sondern da sie ohne Dämonenbeschwörung erfolglos war. Und es sollte schließlich keine Götter neben Gott geben! 

Doch gerade in der Reformation hatten Klöster bei ihrer Auflösung wertvolle Gegenstände verborgen. Konfessionskriege brachten weitere Unruhe. Neues Wirtschaften ließ das Interesse am Gewinn wachsen. 

Vor der Industrialisierung herrschte die Meinung vor, dass alle Güter nur in begrenztem Umfang vorhanden waren und sich ein Gewinn nicht beliebig vermehren ließ. Der Zugewinn des einen bedrohte andere mit Verlust – Zünften ging es darum, solche schädlichen Wettbewerbe ihrer Mitglieder zu vermeiden. Allein mit bisher verborgenen Schätzen ließ sich guten Gewissens Gewinn erzielen, waren sie doch der Welt der Lebenden entzogen. 

Erst im 19. Jahrhundert kamen rationalere Methoden der Schatzsuche auf. Allmählich wurde die Erforschung der Vergangenheit durch Funde immer wichtiger. Die Funde beleuchten immer mehr Zusammenhänge und Erkenntnisse über untergegangene Zeiten. 

Der Wert archäologischer Entdeckungen steigt auch durch genaue Erforschung und Dokumentation der Fundzusammenhänge. Dazu werden die archäologischen Methoden immer ausgefeilter: Inzwischen lassen sich weite Bodenflächen untersuchen, ohne auch nur einen Spaten in die Hand zu nehmen. Längst sind Sondengänger und zufällige Entdecker alter Schätze nur dann auf Seiten der Guten, wenn sie ihre Funde rechtzeitig mitteilen. Die Gesellschaft hat neben dem Eigentümer des Fundortes berechtigte Interessen: In Bayern gibt es gerade eine Gesetzesänderung, nach der der Freistaat das Schatzregal erhält. 

Selbst Schatzsuche in populären Romanen oder Filmen verbindet immer mehr Abenteuer mit archäologischer Forschung. Historische Sendungen erzählen allzu oft die Geschichte, wie Forscher lange ergebnislos suchten, bevor sie ihre Entdeckung machten. Immer noch gilt trotz aller Fortschritte: „Fast alle Schatzfunde sind Zufallsfunde!“, so Markus Hirte vom Kriminalmuseum. 

Noch immer bieten Schätze einen Mehrwert: Das Kinderbuch „Masquerade“ machte eine Millionenauflage, indem es Hinweise auf einen Schatz bot, den die Autoren verborgen hatten. Doch dieser war nur 5.000 Pfund wert – eine geringe Investition im Vergleich zu dem Gewinn aus den Buchverkäufen.

Lohnt sich die Suche nach dem Pharaonen- oder Piratenschatz, dem Nibelungen- oder Nazigold? Liegen wahre Schätze woanders? Oder bringt es gar Unheil anstatt Entdecker als Vorbilder zu feiern?

Kultromane, nicht nur im „Kleinen Hobbit“ und im „Herrn der Ringe“, mit Relikten etwa aus dem Beowulf faszinieren besonders. Es geht dort nicht um Gewinn, sondern darum, den unheilvollen Ring der Versuchung und der Macht endgültig zu vernichten: Die Dämonen der Macht- und Habgier zu überwinden und sich selbst zu finden – das ist lohnenswert!

Ausstellung bis Ende 2024, Kriminalmuseum täglich 10–18 Uhr, mehr online https://www.kriminalmuseum.eu oder Tel. 09861/8258. Gleichnamiger Katalog zur Ausstellung; 24,95 Euro; 352 Seiten, ISBN 978-3-8306-8177-9.