Strahlen durchdringen Himmel

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Impressionen aus der Schirn-Ausstellung zu Lyonel Feininger: Gaberndorf (I.) von 1921. Foto: Borée
Impressionen aus der Schirn-Ausstellung zu Lyonel Feininger: Gaberndorf (I.) von 1921. Foto: Borée

Frankfurter Werkschau des Künstlers Lyonel Feininger zeigt Entgrenzung der Architektur

Sterne überstrahlen die „Kathedrale“. Starke, expressive Formensprache geht mit einer neuen Sachlichkeit eine wirkungsvolle Verbindung ein. Diese Grafik des Titelblattes „trug wesentlich zur Wirkung der ersten Programmschrift des neu gegründeten Bauhauses bei“, so Ute Ackermann in ihrem Aufsatz im Katalog der aktuellen Werkschau Lyonel Feiningers, „und generierte eine enorme Anziehungskraft für die Schule“. Kathedrale und Bauhütte als bis heute gültige Symbole für das Bauhaus-Programm scheinen durch Feiningers Motivwahl einer Sakralarchitektur adäquat repräsentiert zu sein. Darüber weisen drei Sterne in fast adventlicher Ausdruckskraft den Weg und berühren den Himmel. Der Katalog deutet diese Sterne „als die drei am Bauhaus zu vereinigenden Künste: Bildhauerei, Malerei und Architektur“.

Lyonel Feininger erblickte im Jahr der deutschen Reichsgründung, 1871, in New York als Sohn deutschstämmiger Musiker das Licht der Welt. Ihn zog es wieder zurück in die alte Heimat. Zunächst verdiente er sein Brot als Karikaturist. Erste Kontakte zu bedeutenden Künstlervereinigungen wie der „Berliner Secession“ ab 1909 und Ausstellungen ab 1911 kamen hinzu. Feininger arbeitete bald mit den Künstlern des „Blauen Reiters“ zusammen. 

In den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges war seine Bewegungsfreiheit in Deutschland als Amerikaner sehr eingeschränkt. Er versuchte sich zu der Zeit künstlerisch an Holzschnitten: Dort konzentriert er seine Formensprache auf ausdrucksstarke Linien – also auf das Wesentliche. 

Gleich nach dem Krieg gehörte er der Bauhaus-Bewegung an, für die er schon 1919 die „Kathedrale“ als Titelblatt einer ihrer bekanntesten Programmschriften schuf.

Immer wieder überarbeitete Lyonel Feininger gerade den Hintergrund der „Kathedrale“, der zunächst dunkel gehalten war. In der Endfassung (Abbildung) „strukturierte er ihn mit leicht nach außen zeigenden, aufsteigenden Vertikalen, die wie Lichter aus gigantischen Scheinwerfern hinter und aus dem Gebäude in den Nachthimmel wachsen und die Sternenstrahlen kreuzen. Formatveränderung und Strukturierung des Bildhintergrundes entgrenzen die Komposition“, so Ackermann im Katalog weiter.

So wird die Kathedrale ganz von dem Strahlen und Leuchten eingefasst. Es ist kein bestimmter, individueller Bau mehr erkennbar, sondern ein „Kathedrale aus Licht“. Das Bild wirkt auf der Titelseite für sich, ohne textliche Erläuterungen. 

Es steht für den Anspruch der Bauhausbewegung auf Erneuerung bisheriger Architekturformen. Und dennoch befindet sich gerade kein modernes Bauwerk im Mittelpunkt, sondern ein Gotteshaus in traditioneller Bildsprache, wenn auch auf das Wesentliche reduziert. 

In diesen Jahren malte Lyonel Feininger öfter Dorfkirchen und Dorf-Idyllen in der Umgebung um Weimar in vielen Facetten – dies allerdings zunehmend verfremdend. Dort war das Bauhaus vor der Umsiedlung nach Dessau heimisch. So erscheinen auch altehrwürdige Dorfkirchen in einem neuen Licht – ebenso wie die Altstadt Halles. Vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zeigte sie ein einzigartiges Architekturensemble. Dort schuf Feininger zwischen 1929 und 1931 im Rahmen eines Kunst-Aufenthaltes elf Gemälde mit Stadtmotiven in seiner ausdrucksstarken Maltechnik.

Die Sommer verbrachte er meist an der Ostsee, die ebenfalls stark in seinem Werk präsent ist. Die Entgrenzung der Architektur, die Weite des Himmels und das Spiel mit den Formen wird zu einem wesentlichen Kennzeichen seiner Bildsprache. 

Glanz einer Dorfkirche

Neben dem Weimarer Ortsteil Gelmeroda erregte auch Gaberndorf nur wenige Kilometer weiter das künstlerische Interesse Feiningers: Hier ist die Kirchen (oben) kein individuelles Bauwerk mehr, sondern eine hochstrebende Pyramide, anscheinend vom Mond beschienen und durch die Dächer der umliegenden Häuser geerdet. Auch von ihrem Turm weisen Strahlen fast wie Scheinwerfer weit ins Land. 

Die Basis des Turms zeigt offenbar Züge eines Gesichts – wenn sich hier keine individuellen Ausdrucksformen erkennen lassen: Doch könnte die Kirche gar eine kauernde Gestalt zeigen: Vielleicht eine rätselhafte Sphinx? Oder ist diese Interpretation aufgrund der Pyramidenform des gesamten Aufrisses zu weit hergeholt? Die warmen Erdfarben und das Strahlen des Himmels, durchbrochen anscheinend nur von einem grünen Feld am unteren Bild­rand, mildern die Härte der Formen, die auch hier fast holzschnittartig erscheinen. Hinter den Formen wird das Strahlen ihrer Wesensart und
eine aufwärtsstrebende Sehnsucht spürbar.

Im Dritten Reich galt Feininger als „entartet“ – ebenso wie die Bauhaus-Bewegung. Nach zunehmenden Einschränkungen ging er als Mittsechziger 1937 mit seiner zweiten Familie nach New York zurück. Nach 1945 kehrte er trotz aller Sehnsucht nur noch zu einigen Ausstellungen nach Deutschland zurück. Er wollte es aus der Zeit vor dem Krieg in Erinnerung bewahren. 

Dort änderte sich noch einmal sein Stil durch die neue Lebenssituation. Zunehmend gestaltet er dort die Häuserschluchten New Yorks. In der „Dunkelgeahnten Auflösung“ von 1953 etwa scheint durch sie ebenfalls ein riesiges Gesicht hindurch. Doch sie streben nicht mehr ins Licht, ein grünlicher Himmel liegt über ihnen, der sie niederdrückt. Wo bleibt die Sehnsucht nach dem Licht des Advents?

Schau der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Römerberg zu Lyonel Feininger, bis 18. Februar 2024, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr. Tickets regulär zu 12, am Wochenende zu 14 Euro. Mehr https://www.schirn.de/ausstellungen/2023/lyonel_feininger/. Katalog ISBN 978-3-7774-4177-1; 49,90 Euro; 272 S.; auf Deutsch und Englisch.