Angst vor Bedrohung eigener Ansprüche?

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Brachten Täufer etwa in Augsburg oder Windsheim ein mühsam austariertes Gleichgewicht der Reformation ins Wanken, wie in Augsburg die Basilika St. Ulrich und Afra davor die Ev. St.-Ulrichs-Kirche? Foto: Borée
Brachten Täufer etwa in Augsburg oder Windsheim ein mühsam austariertes Gleichgewicht der Reformation ins Wanken, wie in Augsburg die Basilika St. Ulrich und Afra davor die Ev. St.-Ulrichs-Kirche? Foto: Borée

Täufer in Bayern: Luden frühe protestantische Herrschaften bei der Abwehr Schuld auf sich?

Eine große Sorge trieb Georg Vogler um: Würden die Chaoten in seinem neuen Ruhesitz die Macht gewinnen? Voller Unruhe verfasste er ein Schreiben an seinen ehemaligen Arbeitgeber. Nein, besser: Brot-herrn. Denn wir befinden uns im Mai 1535. Der Ex-Kanzler des Ansbacher Markgrafen Georg sandte also einen besorgten Bericht aus Windsheim in seine alte Heimat: Die Täufer trieben in seiner beschaulichen neuen Heimat ihr Unwesen, so sah er es. Ansbach hatte 1525 die Reformation eingeführt, ebenso Nürnberg und die kleine, aber freie Reichsstadt Windsheim. 

Konnten Radikale dort gewaltsam ein „Täuferreich“ errichten wie damals im westfälischen Münster? Heerführer beider Konfessionen belagerten die Stadt und eroberten sie bald brutal. Münster wurde wieder katholisch, obwohl der dortige Fürstbischof zuvor dem evangelischen Glauben zugeneigt hatte.

In Franken regte sich nun umgehend der Ansbacher Markgraf über das nachsichtige Windsheim auf: Dies, auch wenn sich wohl nur „eine Handvoll Täufer“ dort nachweisen ließ, so Nicole Grochowina im Videogespräch mit dem Sonntagsblatt. Die Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg verarbeitete intensiv ihre Spurensuche über „Täuferisches Leben in Bayern“. Zugleich ist sie Ordensschwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz.

Schließlich beobachteten vor 500 Jahren auch die neuen protestantischen Obrigkeiten die Täufer mit Misstrauen. Ist es jetzt an der Zeit, für eine evangelische Schuld gegenüber diesem „linken Flügel der Reformation“ Buße zu tun? Selbst Martin Luther sprach sich 1536 für ein hartes Vorgehen gegen Täufer aus. Nicole Grochowina dokumentiert zusammen mit Astrid von Schlachta von mennonitischer Seite diese Schattenseiten im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Auch der scheidende Oberkirchenrat Michael Martin war vor 30 Jahren theologischer Mitarbeiter der Mennoniten, die in der Täufertradition stehen. 

In Windsheim waren seit etwa 1527 Täufer aktenkundig geworden – zunächst persönlich von Hans Hut (um 1490–1527) neu getauft, obwohl er selbst Laie war. Als Buchbinder oder -händler, trat 1525 in der engeren Umgebung Thomas Müntzers auf, überlebte aber den Bauernkrieg, wie Nicole Grochowina in einem Aufsatz zum Büchlein „Täuferisches Leben“ beschreibt. 

Gottesstreit in Augsburg

Als Prediger und Organisator der Täufergemeinde war Hans Hut bereits ab Pfingsten 1526 in Augsburg aktiv. Er war davon überzeugt, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstand – und zwar Pfingsten 1528. Daher missionierte er unermüdlich auf Reisen von Thüringen und Franken bis nach Mähren. 

Da die Türken auf ihrem Vormarsch ins Abendland nach seiner Ansicht ein eschatologisches Werkzeug Gottes für unbußfertige Christen waren, sprach er sich gegen die Landesverteidigung aus. Leid und Gewalt sollten als Teil der irdischen Buße ertragen werden. Und: Sollten die Täufer nicht Gott dabei helfen, selbst Andersgläubige mit dem Schwert ausmerzen, so Hans Hut?

Im August 1527 gehörte er zu einer Gruppe von 33 Täufern, die sich in Augsburg traf, um Unterschiede in ihren Lehren zusammenführen. Gemäßigtere Täufer wollten Hut zum Verzicht auf Gewalt bewegen. Er versprach, seine Position nicht mehr zu teilen – und erhielt knapp mit 17 Stimmen Rückendeckung. 

Die Täufer traten nicht nur gegen die Kindstaufe ein, wobei der Eintrag der neuen Erdenbürger in den Taufregistern und Kirchenbüchern damals eine der wenigen Möglichkeiten war, um sie zu registrieren. Nein, viele von ihnen forderten eine absolute Trennung von der Obrigkeit, wobei die Meinungen auseinander gingen, ob sie von Gott eingesetzt sei. Sie verweigerten Eide sowie den Besitz und Gebrauch von Waffen – nun, abgesehen von den Münsteraner Radikalen, die sehr wohl kämpften und Hans Hut. Das Laienpriestertum hatte für sie große Bedeutung. Sie feierten das Abendmahl als Gemeinschaftsmahl.

Nach der „Märtyrersynode“ ließ Augsburg viele Täufer verhaften –  auch Hut. Er starb Ende 1527 durch einen Brand in seiner Zelle, wie die Wächter erklärten – oder infolge der Folterungen. Seine Leiche wurde verbrannt, die Asche verstreut.

Allerdings gab es weitere Täufer in der Reichsstadt am Lech: Am Ostersonntag 1528 ließ der Rat eine Versammlung mit 88 Teilnehmenden im Haus von Susanna und Adolf Daucher im Schleifergäßchen stürmen. Dort befindet sich nun eine Gedenktafel: 43 auswärtige Täufer wurden verhört und ausgewiesen, die Einheimischen zumeist gefoltert und als Ketzer gebrandmarkt. Susanna Daucher wurde am 21. April ausgewiesen, obwohl sie schwanger war. Ihre beiden kleinen Söhne musste sie zurücklassen. Als sich Huts Prophezeiung an Pfingsten nicht erfüllte, gaben die meisten seiner Bewunderer resigniert auf.

Windsheimer Abweichler

Doch am 11. Juni 1528 wurde in Windsheim aktenkundig, dass sich Täufer in einem Wald bei Wiebelsheim versammelt hatten. In Johannes Bergdolts „Die Freie Reichsstadt Windsheim im Zeitalter der Reformation (1520–1580)“, das bereits vor gut hundert Jahren erschien und von der Bad Windsheimer Stadtarchivarin Stella Bartels-Wu gehütet wird, finden sich ihre Spuren.

Windsheim ließ vor 500 Jahren die Verhafteten nach Ansbach bringen – und verzichtete so selbst auf die Gerichtsbarkeit. Nach Verhören dort erhielten sie aber nur leichte Kirchenbußen. Hatte nicht der Nürnberger Reformator Osiander eine eher milde Position gegenüber ihnen vertreten? Noch lag das Täuferreich in Münster in der Zukunft. 

Um 1530 kamen weitere Wanderprediger der Täufer nach Windsheim: Anfang April 1531 und dann Anfang 1532 stand es dort einmal wieder an, Täufer festzusetzen. Auch sie wurden in Ansbach verhört, wobei die Gesandten des Markgrafen wiederum die Nürnberger Gelehrten um ein Gutachten baten. Nürnberg war uneinig über die Bewertung der Lehre: Insgesamt wurde sie als Irrtum gesehen, doch die Theologen dort empfahlen Milde. Andererseits traten die Wittenberger Reformatoren und viele protestantische Landesherrn gegenüber Täufern härter auf. So scheint auch Windsheim für sie nach dem Münsteraner Täuferreich weniger sicher gewesen zu sein.

Nicole Grochowina und Astrid von Schlachta (Hg.): Täuferisches Leben in Bayern. Eva-Verlag 2023, 174 S., ISBN 978-3-374-07213-2, 19 Euro.

Johannes Bergdolt: Die Freie Reichsstadt Windsheim im Zeitalter der Reformation (1520–1580), Leipzig 1921. 5. Band zur Bayer. Kirchengeschichte.