Weltgebetstag zu Palästina noch möglich?

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Brunhilde Raiser und Sally Azar. Fotos: privat/Andrea Krogmann KNA (WGT)
Brunhilde Raiser und Sally Azar. Fotos: privat/Andrea Krogmann KNA (WGT)

Wie der Angriff Hamas auf Israel am 7. Oktober die bisherigen Planungen verändert

„Wir hatten beide furchtbare Angst – wir haben nicht miteinander gesprochen. Er hat nur in die Ecke gestarrt und ich auf seine Hand.“ So berichtet Musa Abu Hashhashs, der für die Menschenrechtsorganisation B’Tselem tätig ist, in dem Informationsmagazin zum Weltgebetstag am 1. März 2024 in dramatischer Form: Mit einem Israeli steckte er über eine Stunde in einem Fahrstuhl fest. Neben ihm stand eine große Tasche: „Er dachte offenbar, ich hätte Sprengstoff dabei und würde mich mit ihm in die Luft sprengen. Dann bekam ich auch Angst, denn ich sah, dass er ein Gewehr hatte.“ 

Diese Episode findet sich in der Informationsbroschüre zum kommenden Weltgebetstag der Frauen am 1. März 2024. Zum zweiten Mal nach 30 Jahren haben Christinnen aus Palästina die Liturgie ausgearbeitet, obwohl noch rund ein Prozent dort christlich geprägt sind – 50.000 Menschen. Sicher steckt der „Fahrstuhl“ im Heiligen Land seit Jahrzehnten fest. Und nach den Ereignissen am 7. Oktober mehr denn je. Lässt sich ein solcher Gebetstag jetzt noch feiern wie geplant – zumal in Deutschland? Es seien an einem Tag noch niemals nach dem Holocaust so viele jüdische Menschen ermordet worden wie nun, so israelische Stimmen. 

Dazu führte das Evangelische Sonntagsblatt Gespräche mit Brunhilde Raiser. Die evangelische Theologin ist Vorstandsmitglied im Deutschen Komitee des Weltgebetstags der Frauen. Nachdem sie ihre Erschütterung über die aktuelle Situation ausgedrückt hat, wünscht sie sich, dass auch Stimmen für den Frieden gehört werden. Die bisherige Gottesdienstliturgie sei auch durch die schrecklichen Ereignisse „nicht unwahr oder unzutreffend geworden“, erklärte sie. 

Doch bedürften sie natürlich gerade jetzt einer Aktualisierung, um den Klagen und Bitten zu den aktuellen Gewalttaten Ausdruck zu verleihen. Das deutsche Komitee warte jetzt darauf, welche Ideen der palästinensischen Christinnen kämen – etwa ergänzende Fürbitten. Wenn nicht, würden sich auch die deutschsprachigen Christinnen äußern. „Wir peilen dazu voraussichtlich den Dezember oder Januar an“, hofft sie. Denn spätestens dann beginnen die meisten Dekanate und Gemeinden ihre Vorbereitungen zum Weltgebetstag der Frauen. Nicht ausgeschlossen sei es allerdings, dass es auch später geschehen könne oder gar kurz vor dem 1. März wieder neue Aktualisierungen nötig werden – etwa als Bitt- oder Klagegottesdienste mit weiter angepassten Fürbitten. Die Vorbereitungstreffen sollten wie geplant stattfinden, auch wenn die Entwicklung im Fluss sei. 

Schließlich kann heute niemand voraussehen, wie sich die Situation bis dahin entwickelt. Aber bereits jetzt finden sich „in der Weltgebetstagsordnung kleine Pflänzchen, wie mit erlebten Verletzungen umgegangen werden kann“, sagte sie.

„Wir können nur beten“

Schon 2017 war auf internationaler Ebene die Entscheidung für Palästina zustande gekommen. Die Liturgie wurde zumeist während der Corona-Zeit verfasst. Es wurde am 21. September für den deutschsprachigen Raum in Berlin vorgestellt. Die Pressekonferenz ließ sich auch per Viedeokonferenz verfolgen. Damals war ebenfalls Sally Azar mit dabei, die federführend die Weltgebetstagsordnung mit ausarbeitete. Sie wurde als erste Frau der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL) Anfang 2023 zur Pastorin ordiniert, nachdem sie in Deutschland Theologie studiert und ihr Vikariat in Berlin gemacht hatte. Wie in der Sonntagsblatt-Ausgabe Nr. 43 dokumentiert, verbreitete sie nach dem 7. Oktober ein umstrittenes Instagram-Zitat einer palästinensischen Aktivistin. Zudem kritisierte sie die Beleuchtung des Brandenburger Tores in den Farben Israels. 

Inzwischen veröffentlichte das Weltgebetstagskomitee eine weitere Erklärung Azars: „Das Leid und der Verlust von unschuldigen Menschenleben in dieser Region sind ein Grund für tiefe Trauer und ein Aufruf zum Handeln für Frieden und Mitgefühl. Wir appellieren an alle beteiligten Parteien, Dialog, Verständnis und Versöhnung den Vorrang zu geben als Weg zu dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit.“ Zu neutral? 

Brunhilde Raiser versicherte dem Sonntagsblatt, dass das deutsche Weltgebetstagskomitee bei Pastorin Azar zu dem Verhältnis beider Äußerungen nachgefragt habe. Bis zum Redaktionsschluss sei keine Antwort gekommen. Nach Gaza hat das Weltgebetstagskomitee derzeit keinen direkten Kontakt, so Raiser. 

Dennoch fand bereits die deutsche Einführung in die Liturgie des kommenden Weltgebetstages schon vor dem 7. Oktober Worte, die weiter gelten: Man „ist sich angesichts der deutschen Geschichte der besonderen Verantwortung und Herausforderung bewusst. Wir stellen uns nach 1994 jetzt zum zweiten Mal der Aufgabe mit dem Ziel, auch 2024 die Stimmen von Frauen aus Palästina und ihre Sehnsucht hörbar zu machen, weil wir ihre Sehnsucht teilen – in Frieden zu leben.“ 

„Wir beten nicht gegen ein Land“, beschwichtigte Brunhilde Raiser schon bei der Pressekonferenz am 21. September. Das war auch schon in diesem Jahr so, als Taiwan im Mittelpunkt des weltweiten Gebets der Frauen stand: Da ging es auch ausdrücklich nicht gegen China, sondern darum „Stimmen stellvertretend zu Gehör zu bringen“ und miteinander zu reden, auch über „Macht- und Möglichkeitsverhältnisse“. In Krisenzeiten leiden gerade Frauen – in den palästinenischen Gebieten unter einer „doppelten Besatzung“, so der Weltgebetstag: auch unter einer „patriarchal geprägten Kultur“.

Davon weiß auch Ursula Mukarker zu berichten. Die ebenfalls eigens für die Pressekonferenz angereiste Leiterin des Traumazentrums „Wings of Hope for Trauma“ in Bethlehem kämpft für einen „Naturschutzraum für die Seele“ für palästinensische Frauen und Mädchen. Ihr Projekt fördert der Weltgebetstag – wenn die Arbeit weitergeführt werden kann. Momentan schreibt sie aus dem Westjordanland: „Wir können nur noch beten.“

Trotz ihrer geringen Anzahl kommt Christen in den palästinensischen Gebieten eine große Rolle zu: Im Bildungs-, Gesundheits- oder Wirtschaftsbereich engagieren sie sich in fast 300 Organisationen und Institutionen: Darunter sind etwa 93 Schulen, Universitäten und Berufsbildungszentren, 19 Gesundheitseinrichtungen, 47 Sozialeinrichtungen oder 38 Jugend- oder Pfadfinderzentren. Mehr als 90 Prozent derjenigen, die durch diese Arbeit erreicht werden, seien Nicht-Christen. Der Weltgebetstag will sich dort engagieren, damit das Motto „… durch das Band des Friedens“ aus dem Epheserbrief gegen die Erstarrungen der Angst und des Leidens wirken könnten.

=> Mehr unter https://www.weltgebetstag.de