Streitlust – durch Umbruchzeiten befeuert?

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Blick in die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen, Porträt von August Hermann Francke (links) und Christian Wolff. Fotos: Borée/akg (Wolff)
Blick in die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen, Porträt von August Hermann Francke (links) und Christian Wolff. Fotos: Borée/akg (Wolff)

Franckesche Stiftungen buchstabieren Medien und Mechanismen der Aggression durch

Sind wir aktuell besonders aggressiv? Und überschreiten allzu schnell die Grenzen zwischen notwendigen Auseinandersetzungen um den richtigen Umgang mit allerlei Krisen bis hin zu persönlichen Angriffen? Wer eine andere Meinung hat, ist verantwortungslos, gar ein schlechter Mensch! Das scheint ein Blick in Internet-Foren zu bestätigen. Doch auch zuvor gab es genug Grenzverletzungen.

Damit setzen sich die Franckeschen Stiftungen in Halle in ihrer aktuellen Jahresausstellung zum Thema „Streit. Menschen, Medien, Mechanismen im 18. Jahrhundert und Heute“ auseinander. Ausgerechnet der Gründer dieses historischen Waisenhauses, August Hermann Francke, ließ vor 300 Jahren einen Streit eskalieren: Er warf Christian Wolff „Atheheisterey“ vor. Nicht wegen der naturwissenschaftlichen Forschungen des Mathematikprofessors, sondern weil dieser eine Rede gehalten hatte, in der er den chinesischen Philosophen Konfuzius zu sehr lobte. Von diesem Vorwurf war es kein weiter Weg über verdeckte Sticheleien zu persönlichen Anschwärzungen. Eine Flut an Flugschriften und Drucken erschien. 

Schon länger wurde Wolff vorgeworfen, dass er „gefährliche Lehren“ vortragen und die Grenzen zur Philosophie in seinen Vorlesungen überschreiten würde. Hatte er nicht bereits den Glauben gegenüber der Vernunft herabgesetzt? War er deshalb schuldig an dem liederlichen Lebenswandel der Studenten, die anscheinend immer schlimmer über die Strenge schlugen? 

Vor 300 Jahren, 1723, schaltete sich dann der preußische König Friedrich Wilhelm I. ein: Der Soldatenkönig ließ Wolff unter Androhung der Todesstrafe aus seinem Herrschaftsbereich ausweisen. Dazu gehörte Halle. Wolff erhielt einen Lehrauftrag in Marburg. Nun überschlugen sich die gegenseitigen Ver­unglimpfungen erst recht – bevor ihn Friedrich II. bald nach seinem Regierungsantritt zurückrief. 

Grundsätzlich anders als heutige „Shitstorms“, Hasswellen nach einem missglückten Twitter-Spruch oder peinlichen Instagram-Bildern, ging es offenbar auch damals nicht zu. Der Wolff-Streit hatte die Grenzen eines wissenschaftlichen Disputes ebenso überschritten wie den regionalen Rahmen. Zumindest die halbwegs gelehrte Welt in den deutschen Landen und darüber hinaus war im Bilde. Selbst Zarin Katharina die Große tat ihre Meinung kund. 

Schmähung im Umbruch

So waren auch im angeblich so gelehrten und aufgeklärten 18. Jahrhundert Schmähungen keineswegs von schlechten Eltern: Frauen- und fremdenfeindliche Zerrbilder finden sich damals genauso wie die bildliche Herabsetzung (noch heute) identifizierbarer Personen. 

Sind solche Kränkungen vielleicht gerade ein Ausdruck von Umbruchzeiten? Schon zur Reformation erreichte die Verunglimpfung der Glaubensgegner einen ersten Höhepunkt. Mit Karikaturen bebilderte Flugblätter erschienen lange bevor der Buchdruck dazu genutzt wurde, Zeitungen zur aktuellen Information zu verbreiten.

Selbst zu Beginn der großen Ära der Stummfilme vor rund einem Jahrhundert blühte zunächst Klamauk: Da bietet die Onlineausstellung, die virtuell die reale Schau in Halle begleitet, ein Beispiel mit einem Link zu dem Film „Die Schlacht des Jahrhunderts“ von Laurel und Hardy. In dem Werk mit dem dramatischen Titel werden ganz banal immer mehr Unbeteiligte von Torten getroffen. Sofort und fast automatisch müssen sie das rächen, zumal der Torten-Nachschub unbegrenzt scheint. Damals konnten die Kinobesucher noch dem bizarren Verlauf folgen ohne selbst Attacken fürchten zu müssen. Schwungvolle Slapstick-Musik steht scheinbar im Widerspruch zu diesen Szenen. 

Grenzüberschreitung durch Soziale Medien?

Inzwischen sprengen die sozialen Medien alle Grenzen: Jeder Zuschauende kann gleich selbst Torten werfen – und davon getroffen werden: Dabei gilt es zu bedenken: „Anders als der reale Stammtisch in der Kneipe ist die virtuelle Arena (der sozialen Netzwerke) kein Schonraum für ungeschützte Äußerungen unter Gleichgesinnten, sondern eine grell ausgeleuchtete Bühne, die ständig von allen Seiten beobachtet wird und kein Verfallsdatum kennt“. So heißt es dazu im Ausstellungskatalog.

Weiter fragt die Schau: „Gehörte das oft unfaire emotionale Eskalieren nicht von jeher zur Kultur des Streitens und sind bewusste Schmähung und Herabsetzung nicht die Grunddynamiken von Streitkulturen“? Gleichzeitig sprengt die Schrankenlosigkeit „unter dem Deckmantel der Anonymität im Web die Grenzen des Sagbaren“. 

Darüber hinaus werden „grundsätzliche gesellschaftliche Konflikte“ fast „hypersensibel“ mit Einzel- und Stellvertreterfällen ausgetragen, in denen allzu schnell Verletzungen beklagbar sind. Als Beispiel brauchen einem da wohl nur die Debatte um das Gendern oder die kulturelle Aneignung in den Kopf kommen. Selbst das Christentum würde dazu gehören – als es von einer orientalischen Sklaven- und Frauenreligion durch die Völkerwanderung zum Identitätsmerkmal einer mitteleuropäischen Adelselite wurde. Andererseits ist ein wenig Achtsamkeit gegenüber Gruppen, die an den Rand gedrängt wurden, in den allermeisten Fällen sicher nicht fehl am Platz. 

Bewusst spielt da der Rapper FAKKT mit diesen Dissonanzen: Er begibt sich in einem Song der Online-Ausstellung mit „stilisierten Gesten, Posen und Sprechakten“ in „eine Interpretation zeitgenössischer digitaler Hasskommentare, die als Fragmente aufbereitet und im Rap (selbst-)kritisch verarbeitet werden“, so der Begleittext. Das Spannende im Selbstversuch: Trotz des Wissens darum wirkt die Aufführung auf mich bedrohlich und aggressiv. 

Lässt sich aber nicht auch Beschämung produktiv wenden? Der Pranger vernichtete noch zu Zeiten Wolffs und Franckes öffentlich die Ehrbarkeit des Betroffenen am ganzen Ort – aber nicht immer. Mindestens ein prominenter Fall sprengte dieses Gesetz, wie Historiker wissen: 

Der englische Schriftsteller Daniel Defoe, der spätere Verfasser von Robinson Crusoe, musste 1703 für seine Satiren am Pranger stehen. Da­raus machte er einen „Hymnus an den Pranger“: „Mit Pöbel und Bosheit grüßt die Menschheit. Aber Schmutz wirft Schmutz ohne Rücksicht auf Verdienste oder Gesetze!“ Das amüsierte das Publikum so, dass es ihn mit Blumen anstatt Unrat bewarf und auf seine Gesundheit trank – pure Grenzüberschreitung üblicher Bedeutungsebenen, die Schande durchbrach!

Schau in den Franckeschen Stiftungen bis 4.2.2024, täglich außer montags von 10–17 Uhr. Gleichnamiger Katalog 28 Euro; ISBN 978-3-447-11977-1. 

Mehr unter https://www.francke-halle.de/de/ausstellung/streit sowie in der sehenswerten Online-Ausstellung https://streit.francke-halle.de