Schein und Sein in prunkvollen Spiegeln

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Das Schiff der Kirche mit Jesus am Hauptmast, unter den Segeln der Heiligen und mit rechtgläubiger Besatzung. Repräsentanten der Protestanten, darunter die Reformatoren Jan Hus, Martin Luther und Johannes Calvin treiben hilflos im Wasser. Jacob Gerritsz Loef (zugeschrieben), 1640–1649. Foto: Museum Catharijneconvent, Utrecht, in der aktuellen Landesausstellung
Das Schiff der Kirche mit Jesus am Hauptmast, unter den Segeln der Heiligen und mit rechtgläubiger Besatzung. Repräsentanten der Protestanten, darunter die Reformatoren Jan Hus, Martin Luther und Johannes Calvin treiben hilflos im Wasser. Jacob Gerritsz Loef (zugeschrieben), 1640–1649. Foto: Museum Catharijneconvent, Utrecht, in der aktuellen Landesausstellung

„Barock! Bayern und Böhmen“: Bayerisch-Tschechische Landesausstellung 2023/2024

Er hatte anscheinend auf ganzer Linie gesiegt: Vor genau 400 Jahren, 1623, stand der bayerische Herzog Maximilian I. auf dem Höhepunkt seiner Macht: Feierlich übertrug ihm der Habsburger Kaiser Ferdinand II. die Kurwürde anstelle des geächteten Friedrichs von der Pfalz. Dieser Staatsakt zeigte, wie eng die katholischen Dynastien der Habsburger und Wittelsbacher an der Gegenreformation wirkten – und ohne Herzog Max ging schier gar nichts mehr: Er hatte den Pfälzer „Winterkönig“ bei der Schlacht am Weißen Berg vor Prag geschlagen – und mit ihm die protestantische Seite gleich zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Trieben die Reformatoren nicht hilflos im Wasser, während das Schiff der rechtmäßigen Kirche majestätisch vorbeisegelte (Foto)? 

Genau hundert Jahre später, 1723, ließ sich der Habsburger Karl VI. in Prag prunkvoll zum böhmischen König krönen, um seinen Anspruch auf das Gebiet zu stärken. Dieser letzte barocke Habsburger blieb vor allem deshalb in Erinnerung, da er in der „Pragmatischen Sanktion“ seiner einzigen Tochter Maria Theresia als Nachfolgerin der Habsburger den Rücken stärkte. Der daraufhin um 1740 regierende Wittelsbacher Karl Albrecht sah das nicht ein: War er nicht als naher Verwandter der Habsburger anstelle einer Frau der legitime Nachfolger? 1742 ließ er sich in Frankfurt als Karl VII. krönen – während die Österreicher gerade München eroberten. Letztlich setzte sich Maria Theresia  durch, während Bayern finanziell ausblutete.

Zwischen diesen hundert Jahren liegt die Glanzzeit des Barock. Die gerade eröffnete Ausstellung „Barock! Bayern und Böhmen“, die als grenzübergreifende Bayerisch-­Tschechische Landesausstellung konzipiert ist und neben Regensburg auch zum Jahresende in Prag zu sehen sein wird, hat diese prunkvollen Zeiten im Blick. 

Erfolge und Misserfolge, Prunk und Pracht

Doch das heutige Bayern war damals längst nicht nur katholisch: Nördlich der Donau herrschten die Markgrafen von Ansbach und Bayreuth, die als enge Verwandte der Preußen bekanntlich protestantisch waren. Reichsstädte wie Regensburg und Nürnberg waren es ebenso. Zwar waren auch die evangelische Gebiete vom Barock als scheinbar so katholischer Gesamtkunstform geprägt, doch spiegelt dies gerade ihre wirtschaftliche Macht. Selbst reiche jüdische Familien etwa in den Reichsstädten waren davon geprägt, wie die Schau belegt.

Die Markgrafen in Ansbach zeigten etwa in ihrer Residenz mit einer spiegelglatten Marmormosaikplatte nicht nur ein besonderes Repräsentationsobjekt, sondern es führte alle lieferbaren Schmucksteine sowie die Kunstfertigkeit der Verarbeitung vor – ähnlich eine Schublade mit Proben aus Oberfranken.

„Der Barock ist ein Kunststil, der nicht an den Konfessionsgrenzen Halt macht“, erklärt Peter Wolf als Kurator dieser Landesausstellung. Er zeigt auf, wie die Kunstepoche mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit eine ganz besondere Krisenzeit spiegelte. „Es herrscht nicht nur Krieg, es gibt auch Hunger und Seuchen.“ Nach den Zerstörungen „des 30-jährigen Krieges beginnt eine Bautätigkeit in großem Maßstab, die die Landschaft, die die Städte, aber natürlich auch die Klöster und die Schlösser prägt. So wird die Zwiegesichtigkeit der Epoche deutlich.“

Es waren also besonders stürmische Zeiten, zu denen nicht nur die kulissenhafte Pracht des Barock, sondern auch sein kräftig bewegter und dramatischer Stil passt. Kostbare Originalexponate aus Tschechien, Deutschland und dem übrigen Europa machen die Vielfalt und den Reichtum einer Zeit großer Leidenschaften sichtbar. Sie zeigen den Glanz ebenso wie die Abgründe, den schönen Schein der Illusion ebenso wie die Bühnenmaschinerie, die alles am Laufen hält. Bezahlen mussten die Ärmsten mit immer höheren Steuern. Gerade im Herzogtum Bayern lebten Hof und Kirche zunehmend über ihre Verhältnisse. Das wird in der Ausstellung und im Katalog immer mal wieder gesagt, spiegelt sich mangels entsprechender Objekte wenig wieder. 

Das barocke Spektakel umfasst schließlich alle Lebensbereiche. Da werden gerade der Architektur sowie Theateraufführungen der Epoche in der Ausstellung große Bedeutung eingeräumt: Das Leben als schöner Schein: Waren Kulissen und Propaganda wichtiger als Inhalte? 

Gleichzeitig waren Tod und Teufel immer gegenwärtig – nicht nur in Kriegs- und Seuchenzeiten. Selbst Engelsputten hatten unter den „letzten Dingen“ zu leiden. Eher ergreifend als fürchterlich die kleine Höllenfigur – sie spiegelt aber wieder, dass alle Lebenslust jederzeit zu Ende sein konnte.

Die Ausstellung ist bis 3. Oktober im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg und ab 8. Dezember bis 8. Mai 2024 im Prager Nationalmuseum zu sehen. Eintrittspreise in die Regensburger Ausstellung: 12 Euro (inklusive Besuch der Dauerausstellung am selben Tag). Ermäßigt: 10 Euro (z. B. für Senioren, Schwerbehinderte, Gruppen). Eintritt frei: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Schüler und Studierende bis 30 Jahre, sowie Mitglieder des Freundeskreises. Mehr online unter https://www.hdbg.de

Gleichnamiger Katalog, ISBN 978-3-937974-58-3, 272 Seiten, 24 Euro.