„Allheiligkeiten“ und Spirituals

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Editorial von Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über die ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe

So viele „Allheiligkeiten“, „Exzellenzen“ und „Eurer Gnaden“. Bei der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe war an hochrangigen Kirchenvertretern kein Mangel. Weniger benötigt wird hier die weibliche Form. 

Natürlich gab es auch die eine oder andere Bischöfin von Seiten protestantischer Kirchen – wie etwa Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auch die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, war beim Eröffnungsgottesdienst zu sehen. Die badische Landesbischöfin Heike Klinghart ebenfalls. Natürlich die Vorsitzende des ÖRK, Agnes Abuom aus Kenia in bunter Tracht. Oder auch mal eine Kirchenvertreterin aus dem anglo-amerikanischen Raum im Minirock und mit Kollar.

Langweilige Anzugträger gab es schon, aber die Vollversammlung zeigt, dass Männer gern auch in bunten Gewändern erscheinen. Zumindest ein Turban oder eine bunt bestickte Kappe zauberte exotisches Flair herbei.

Neben all den schweren Themen wie Krieg oder Klimawandel, die sie zu diskutieren hatte, sorgten Spirituals und Gospels in Gottesdiensten und Andachten nicht nur für eine andächtige Atmosphäre, sondern für Schwung. Nicht nur die Musik bewies: Christentum ist inzwischen mehr als eine abendländische Veranstaltung. 

Die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt überwand der Magier Simon Pierro zauberhaft. Mit schnellen Handbewegungen holte er auf der Marktplatz Bühne einen Stift aus dem iPad oder blies das Haar der Wetteransagerin auseinander. Zwar gelang es ihm noch nicht, Wasser in Wein zu verwandeln, doch zapfte er zumindest real trinkbares Bier aus der virtuellen Welt.

Die musikalischen und kulturellen Höhepunkte waren zahlreich. Doch eine neue Schöpfung hervorzuzaubern, das gelingt den Delegierten der Vollversammlung wohl nicht. 

Umso mehr erschien die Tagung streng hierarchisch geprägt. Niemand vergaß seine Ehrenbezeugung und den korrekten Titel des Angesprochenen – samt einer Sprache, die oftmals den Staub der Jahrhunderte zu tragen schien.

Abgehoben? Vielleicht auch ein Tanz auf rohen Eiern? Oder reicht ein musikalischer Schwung aus, um die zumindest bedrohte und verletzte Welt ein wenig zu heilen?

=> Sonstige Impressionen von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen