Das Beste, was Nürnberg zu bieten hat

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Auf dem momumentalen Tegernseeer Kalvarienberg (Mitte) kann man neben biblisch überlieferten Szenen, Legenden und vom Maler selbst erdachte Begebenheiten entdecken.
Auf dem momumentalen Tegernseeer Kalvarienberg (Mitte) kann man neben biblisch überlieferten Szenen, Legenden und vom Maler selbst erdachte Begebenheiten entdecken. Foto: Bei-Baier

Die Kunst des Mittelalters – Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum

Das ureigenste Thema des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (GNM), die Kunst des Mittelalters, soll eine eigene große Dauerausstellung bekommen. Bis es soweit ist, stellt das Museum die Glanzstücke seines Schatzes in einer vorbereitenden kleinen Schau „Das Mittelalter. Die Kunst des 15. Jahrhunderts. Preview“ vor. „Preview“ deswegen, weil in dieser Ausstellung die Besucher des GNM die Kunst des Mittelalters neu kennenlernen und einen Vorgeschmack auf die kommende Dauerausstellung erhalten können, die in einigen Jahren eröffnet werden soll.

„Das Spätmittelalter ist das Beste, was wir haben“, sagt Generaldirektor Professor Dr. Daniel Hess, „es gibt keine Stadt, in der das Spätmittelalter so erlebt und verstanden werden kann, wie in Nürnberg“. Das Mittelalter sei, anders als die herkömmliche Meinung, eine sehr innovative Epoche gewesen, die von Entdeckungen und Umbrüchen geprägt war. „Wir leben heute in einer Zeit der Bilder und diese Bildpräsenz verbindet uns mit dem Spätmittelalter“, so Hess. 

Mit dieser Ausstellung beschreitet das Museum auch digitale Wege der Vermittlung, erläutert Pressesprecherin Dr. Sonja Mißfeldt. Auf Bildschirmen erfährt man Hintergrundwissen und kann den Mitarbeitern des Museums über die Schultern beim Restaurieren und Ausstellungmachen schauen. Außerdem kann man Fragen stellen, und Wünsche äußern.

Kirche als Motor der Kunst

„Der Heilige Zeno von Verona heißt uns in dieser Ausstellung willkommen“, sagt Dr. Markus T. Huber, Sammlungsleiter für Skulpturen und einer der Kuratoren der Ausstellung. Es ist eine kostbare silberne Büste des 15. Jahrhunderts, die zur Aufbewahrung einer Reliquie diente. Viele Kunstwerke entstanden im Mittelalter für Kirchen und waren fester Bestandteil der christlichen Liturgie. Die Heiligenverehrung ist eines der Phänomene des Mittelalters, die vielen heute fremd erscheinen. Für die Kunstproduktion war sie jedoch ein entscheidender Motor. 

Die Büste des Zeno gehört zum alten Bestand des Museums, wurde 1949 nach München gegeben und ist nun zum ersten Mal wieder in Nürnberg zu sehen. Für sie wurden zwei Kilogramm Silber, Auflagen aus Gold, Emaille und Edelsteine verarbeitet. „Sie ist ein hervorragendes Werk der Silberschmiedekunst des 15. Jahrhunderts“, so Huber. An ihm zeigt das Museum beispielhaft, wie verschiedene Gewerke zusammenarbeiten mussten, um ein Kunstwerk zu erschaffen: Mitra und Corpus sind aus Silber geschmiedet, das Gesicht ist abgegossen. Die geschnitzte Model aus Holz stammt vom berühmten Meister von Seeon, einem Künstler, der im Erzstift Salzburg arbeitete. 

Plötzlich steht man vor einem monumentalen Werk. Der „Tegernseer Kalvarienberg“ beeindruckt schon wegen seiner Größe. Auf dem Bild wimmelt es geradezu von Personen und Szenen. „Gabriel Angler war ein begnadeter Erzähler“, sagt Dr. Benno Baumbauer, Sammlungsleiter für Malerei und Glasmalerei, ebenfalls Kurator. Man sieht unter der Kreuzigungsszene mehrere nicht biblisch überlieferte Szenen. Ein Mann zieht Stiefel an, die ihm offensichtlich zu eng sind. Vermutlich hat er sie einem der mitgekreuzigten Schächer abgenommen. Dient ihm der Stab, den er im Mund hält, als Schuhlöffel? Rechts im Bild raufen die Soldaten, die um das Gewand Christi gelost hatten. Hatte einer betrogen? Angler greift biblische Szenen, Legenden und bekannte Alltagsszenen seiner Zeit auf und fügt sie frei ein.

Schließlich widmet sich die Ausstellung den entstehenden Großwerkstätten der Zeit und dem Handelsnetz europäischer Kunst. Tilmann Riemenschneider hatte eine perfekt laufende Werkstatt mit großer Kapazität und einer modern anmutenden Unternehmensstruktur. Hinter solchen Kunstwerken steckte, wie schon beim heiligen Zeno zu erahnen war, eine Reihe von Gewerken:  Maler, Bildschnitzer, Vergolder, Fassmaler, Schreiner und Schlosser. Und doch hatte es Riemenschneider geschafft, dass Kunstwerke aus seiner Werkstatt einen großen Wiedererkennungswert hatten.