Da wohnt ein Sehnen tief in uns

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum 1. Advent

Die Andacht zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“. 

aus Jeremia 23, 5–8

Adventszeit ist Sehnsuchts-Zeit. Sehnsucht nach etwas Ruhe und Besinnlichkeit, aber auch nach Begegnungen und Gemeinschaft, auf Weihnachtsmärkten und bei Weihnachtsfeiern. Jeder hat ganz eigene Sehnsüchte in diesen Wochen vor Weihnachten. Mit ihren altbekannten Texten und Liedern weist diese Zeit hin auf die große Sehnsucht – die Zeit der Gerechtigkeit. 

Das klingt im ersten Moment nach dem ganz großen Wurf und im Endeffekt sehr abstrakt. Da sind die vielen Rituale, die die vier Wochen vor dem Heiligen Abend durchziehen, doch sehr viel praktischer. Und dennoch weisen sie auf ein menschliches Grundbedürfnis hin: die Sehnsucht, dass die abstrakten Worte und Verheißungen der Bibel Wirklichkeit werden. Dass unsere Sehnsüchte sich erfüllen und wir herausgeführt werden aus dem Land der Träume. Dass all das, was uns an Sorgen, Not und Krankheit umgibt, durch Gottes Gegenwart verwandelt wird.

Ein neueres Kirchenlied, das diese Spannung aufgreift, trägt den Titel: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“. In dem von dem Gottesdienstinstitut der Evangelischen Landeskirche und Mission EineWelt herausgegebenen zweisprachigen Gesangbuch „Mit Herz und Mund“ ist es auch in seiner englischen Originalfassung, „There is a longing“, zu finden. 

Denn die Sehnsucht nach Veränderung ist etwas, was uns Christinnen und Christen weltweit verbindet. Sie beruht auf den gleichen Erfahrungen. Auf Erfahrungen von Sorge und Schmerz, von Ohnmacht und Furcht, von Krankheit und Tod, wie es in dem Lied beschrieben wird. Es sind globale Erfahrungen, egal ob nun in einem Dorf in Papua-Neuguinea, in der Finanzmetropole Hongkong, in der Millionenstadt Rio, am Fuße des Kilimandscharo oder in einer Kirchengemeinde hier in Deutschland. Wir alle leben in einem ständigen Hin und Her von Sehnsucht und realen Erfahrungen. Sie scheinen sich zu widersprechen, und wir fragen uns, wie dieser Gegensatz aufgelöst werden kann. Wie wird aus Sehnsucht eine reale Erfahrung? 

Sowohl die Kirchenkomponistin Anne Quigley, von der das Lied stammt, als auch der Prophet Jeremia lenken unseren Blick auf Gott. Bei ihm sind unsere Sehnsüchte nicht nur einfach gut aufgehoben, sondern sie verändern sich. Durch Gottes Verheißung und sein Handeln werden sie real. Seine Gegenwart schenkt Freiheit und Hoffnung, Einsicht und Beistand, Heilung und Zukunft. 

Das Volk Israel, zu dem Jeremia spricht, hat diese Wandlungen immer wieder selbst in seiner Geschichte erfahren, sei es in der Sklaverei in Ägypten oder der Gefangenschaft in Babylonien. Und auch Weihnachten erzählt von diesem Handeln Gottes. Es erzählt davon, dass aus Unsicherheit, Sorge und Angst etwas Neues und Großes entstehen kann. Gott wird Mensch. Gibt es eine großartigere Erfahrung? 

Die Adventszeit will uns auf dieses Handeln Gottes ausrichten und unsere Sehnsüchte wachhalten. Nicht um uns zu vertrösten, sondern damit sie Wirklichkeit werden.

Dr. Gabriele und Dr. Min. Hanns Hoerschelmann, Direktoren Mission EineWelt