Andacht: Starke Worte der Begeisterung

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.  (…) Was will das werden?

aus Apostelgeschichte 2

Von Kindesbeinen an bin ich Fussballfan. Es gibt kaum eine andere Nebensache, die meine Gefühle so stark aufwühlt, wie ein gutes Spiel. Man kann immer wieder beobachten, dass zusammengewürfelte Mannschaften von einem besonderen Team-Geist erfasst, erfüllt, ja regelrecht „beseelt“ werden. Bei der deutschen Fussballnationalmannschaft beschwören die Älteren bis heute den „Geist von Malente“. Unerklärliches, unfassbares und vor allem unsichtbares geschieht und reißt alle mit: Team und Zuschauer. 

Wenn man das Glück hat, Zeuge eines solchen Ereignisses zu werden, dann entwickelt man auch das dringende Bedürfnis, sich über das Erlebte auszutauschen. Die Begriffe und Bilder erinnern dann häufig
an extreme Wetterereignisse oder Krieg. Auch ich neige nach solchen Momenten zu starken Worten und unwahrscheinlichen Übertreibungen. Bei der Beschreibung religiöser Erfahrungen bin ich wesentlich zurückhaltender. Die Worte der Apostelgeschichte, die Worte von Lukas dem Stier, scheinen da eher dem Sportteil eines Revolverblattes zu entspringen: Von Brausen und von Feuer ist da die Rede; und von Bestürzung, Entsetzen und Ratlosigkeit. Aber am Ende einer langen Predigt heißt es: Als sie aber das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz (…). 

Lukas war kein Augenzeuge. Der Autor der Apostelgeschichte kennt die Geschichte nur vom Hörensagen. Aber aus der Kraft seiner Worte spürt man, mit welcher Begeisterung ihm die Ereignisse geschildert worden waren. Für alle Beteiligten ist klar: Dieses Brausen, der entfesselte Sturm und das Feuer, das alle berührt, erfasst und entflammt – aber nicht verbrennt, das sind Zeichen des Lebendigen Gottes. 

Wir brauchen das Berührtwerden. In diesen Tagen, in denen wir so vernünftig miteinander umgehen; in denen wir uns nicht die Hand schütteln, uns nicht in den Arm nehmen, eine Großmutter ihrem Enkel nicht mehr segnend die Hand auf den Kopf legen soll; in diesen Tagen lernen wir ganz neu, dass wir ein Berührtwerden brauchen, weil alles Neue, alles Schöpferische mit Berührung beginnt. Lukas war Arzt. Er wusste um die heilende Kraft der Berührung. Allerdings nicht nur in dem profanen Sinne eines Angefasstseins. Feuer und Sturm können wir nicht anfassen. Aber sie faszinieren und berühren uns. Und wenn sie mit aller Gewalt über uns hereinbrechen, dann machen sie uns auch Angst und Entsetzen uns. 

Der Fussball versucht es dieser Tage mit Geisterspielen. Alles wie sonst, aber ohne Zuschauer. Selbst das Wort „Geist“ ist noch enthalten. Aber ich habe so meine Zweifel, dass wirklich Geist mit dabei sein wird. Man sollte wohl eher von Gespensterspielen reden. Und selbst Geist ist ja noch lange nicht Heiliger Geist! 

Wer auch immer versucht, Geister zu beschwören, wird sich von Gott entfernen. Der Geist Gottes weht wo er will, er ereignet sich in uns und berührt uns auf unnachahmliche Weise. Wir können uns nur öffnen. Aber wenn sich Pfingsten in uns ereignet, dann werden auch wir unser Leben lang in starken Worten davon berichten. 

Matthias Striebeck ist Pfarrer im Ehrenamt

in den Gemeinden Frickenhausen und Arlesried (im Dekanat Memmingen)