Was wirklich wichtig ist

Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? ... Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigenePlage hat.

Aus Matthäus 6, 25-34
München - Alter Botanischer Garten. Eine kleine grüne Oase inmitten der Stadt. Eine alte Frau mit mehreren Plastiktüten schwer bepackt in zerschlissenen Schuhen und einem abgewetzten Mantel schleppt sich von Müllbehälter zu Müllbehälter auf der Suche nach etwas Essbaren.

"Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?" Würde dies in den Ohren dieser alten Frau nicht wie Hohn klingen? Können Jesu Worte so gemeint sein? Ist es nicht für diese Frau zwingend notwendig, sich Tag für Tag um ihre Nahrung zu sorgen? Ist es nicht überhaupt allzu menschlich sich um die Lebensgrundlagen zu sorgen? Bitten wir im Vaterunser nicht immer wieder darum?

Jesus weiß das alles, wenn er sagt: "Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft." Jesus geht es darum, die Prioritäten zurechtzurücken. Das Materielle darf nicht im Vordergrund stehen. Wir dürfen auch nicht sicher sein, dass alles immer für uns verfügbar ist. Es gibt eine andere, größere, geistige Dimension, auf die Jesus unseren Blick lenken will.

"Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." Zieht sich dies nicht wie eine Grundmelodie durch die Aussagen und Gleichnisse Jesu? Ob im Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lk 12, 16ff), vom reichen Jüngling (Mt 19, 16ff) oder in der Geschichte von Maria und Martha (Lk 10, 38f). Immer wieder weist Jesus auf dieses andere, dieses geistige Element hin.

Was bedeutet es aber, wenn wir dieser Aufforderung Folge leisten wollen? Wie müssen wir leben, wenn wir nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten? Martin Luther verzweifelte fast im Ringen um einen gnädigen Gott. Der moderne Mensch kann dies nicht oder nur sehr schwer nachvollziehen, vorausgesetzt, er fragt überhaupt nach Gott.

Als Christen sollten wir jedoch so leben, dass man uns anmerkt, dass bei uns andere Prioritäten gelten. Leben in der Gewissheit, dass wir über unser materielles Leben nicht verfügen, ja nicht verfügen brauchen, weil wir es täglich neu als Geschenk aus Gottes Hand empfangen.

"Was hast du, das du nicht empfangen hast? (1. Korinther 4,7). So fragt, wer sich in Gottes Liebe geborgen weiß und darum in diesem Leben heiter, gelassen und frei nach dem Reich Gottes trachten kann. "Wer erkannt hat, dass Empfangen vor Handeln geht und wer sein Leben entsprechend führt: so, dass er es in jedem Augenblick, fast wie eine Überraschung, empfängt - der lebt tiefer und intensiver als einer, der allein mit seiner Leistung rechnet. ... Für ihn kann sich sein Leben in jedem Augenblick erfüllen", so der Theologe Heinz Zahrnt. Dabei dürfen wir getrost der Macht des Gebetes vertrauen und Gott um alles bitten, was wir für wichtig und notwendig halten.

"Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbst eigener Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein", dichtet Paul Gerhardt. Wir müssen unsere Kräfte auch nicht darin verzehren, das Paradies auf Erden zu errichten. Derartige Versuche sind zur Genüge gescheitert und haben meist eher die Hölle produziert. Es genügt schon, die Erde dem Himmel ein Stück näher zu bringen.

Dr. Wernher Braun, München

Gebet: Ihr dürft euch nicht bemühen,
noch Sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen, mit eures
Armes Macht. Er kommt, er kommt
mit Willen, ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, die ihm
an Euch bewusst. EG 11, 7

Lied 345: Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not

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