Ausgräber und Bewahrer

Anna Ulitschewa
Anna Ulitschewa pflegt deutsche Soldatengräber in Cemena bei Demjansk. Foto: Borée

Auf Spurensuche: Mit dem Volksbund Kriegsgräberfürsorge im Nordwesten Russlands

Anna Ulitschewa stellt ein Birkenkreuz wieder auf. Die knotigen Hände der 82-Jährigen zittern dabei. Das Holz gleitet erst einmal wieder auf den Boden, bevor es endlich am Gedenkstein lehnt. Dort lassen sich noch die Wörter "Dein Zwillingsbruder Karl in ewiger Verbundenheit" entziffern. Sie sind auf Deutsch eingemeißelt, obwohl die Gräber mitten in der russischen Provinz - fast auf halbem Weg zwischen Petersburg und Moskau - liegen. 

Noch immer schaut Anna Ulitschewa nach ihnen. Ansonsten dämmern die Gräber am Rande des halbverlassenen Weilers Cemena an der holprigen Straße nach Demjansk vor sich hin. Viele Holzhäuser verfallen - die jüngeren Einwohner sind längst in den Städten.

Vor knapp 70 Jahren brach hier die Hölle los. 14 Monate lang wogte auf engstem Raum der Kampf hin und her. Im "Kessel von Demjansk" waren im Winter 1941/42 rund 95.000 deutsche Soldaten wochenlang eingeschlossen. Dann erkämpften ihre Kameraden wieder einen Verbindungsweg zu ihnen. Doch die vorgeschobene Frontlinie hielten deutsche Truppen unter größten Verlusten noch ein weiteres Jahr. 

Auf dem deutschen Soldatenfriedhof Korpowo bei Demjansk liegen allein rund 30.000 Gefallene. Ständig kommen weitere hinzu.  Arbeit genug für den "Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge", der auch in dieser Region aktiv ist.  Erst seit den 1990-er Jahren kann der Volksbund sich auch in Russland systematisch um die deutschen Gefallenen kümmern. Zum 70-jährigen Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion präsentierte der Landesverband Bayern dieser Organisation nun seine Arbeit vor Ort.

Auch zahlreiche andere Begräbnisstätten zählen Zehntausende Gefallene - und das allein auf deutscher Seite. Ebenso finden sich allerorten auch Friedhöfe für die vielen Gefallenen der Roten Armee. Die Zivilbevölkerung vor Ort wurde aufgerieben. Anna Ulitschewa kam als junges Mädchen als Zwangsarbeiterin nach Deutschland.

Die 200 Gefallenen von Cemena sollen jedoch nach dem Willen ihrer Angehörigen an ihrer ursprünglichen Bestattungsstelle verbleiben - zumindest so lange Anna Ulitschewa sich um sie kümmern kann. Die Verwandten - unter ihnen Zwillingsbruder Karl - haben sie darum gebeten. 

 

Umbetter
Sergej Tschaswily, Ausgräber im Örtchen Gribnoje, kümmert sich um die Umbettung der Überreste deutscher Soldaten, die bei den Kämpfen am Lagoda-See fielen. Foto: Borée

Ortswechsel, etwa 200 Kilometer nördlich: Dort am Lagodasee, kurz vor Leningrad tobten ebenfalls während des Zweiten Weltkrieges heftige Kämpfe. Auch hier wieder riesige Gräberfelder, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut. Im Winter 1942/43 gelang es sowjetischen Verbänden, die 900-tägige Hungerblockade der Stadt (siehe nächste Ausgabe) - die nun wieder Petersburg heißt - zu durchbrechen. Aus der ganzen Region gibt es zahlreiche Umbettungen von Gefallenen auf den  zentralen Deutschen Soldatenfriedhof Sologubowka etwa 70 Kilometer südöstlich von Petersburg. Aktuell liegen dort 45.000 Gefallene, die Anlage hat 68.000 Plätze.

Gerade werden deutsche Soldaten aus Gribnoje umgebettet. "Pilzreich" heißt das Dorf übersetzt und genauso sieht es dort auch aus. Obwohl nur rund 50 Kilometer östlich von Petersburg gelegen, führt nur eine Sandpiste zum Ort. Unter Birken stehen verstreute Holzdatschas. Dort gräbt Sergej Tschaswily in einem Vorgarten. Er birgt gerade die Überreste eines deutschen Soldaten. 

Die Besitzer der zuständigen Datsche haben die Zustimmung zur Grabung gegeben, nachdem der Volksbund dort ein bislang unbekanntes Friedhofsfeld geortet hat. Das ist nicht immer so einfach wie in Gribnoje. Davon kann Lisa Lemke ein Lied singen. Die "Gruppenleiterin des Umbettungsdienstes Nordwestrussland" kennt beide Seite - da sie selbst russischer Herkunft ist, aber einen Deutschen geheiratet hat. 

Sie führt die Verhandlungen vor Ort. Nicht immer verläuft es so unkompliziert wie in Gribnoje. Manchmal erhält sie von Einheimischen Uniformteile oder die Erkennungsplakette der Soldaten gegen Geld angeboten. "Das machen wir aber nie mit." Vielfach werden die Uniform-Reste auch übers Internet für einige Euros verkauft. Besonders nach Frankreich oder in die USA, weiß Lemke. Die Gefallenen sind dann für immer verschwunden - keine Anna Ulitschewa kümmert sich um sie.  

                         Susanne Borée