Großzügig sein

Brücke
Foto: Bek-Baier

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Und wer dich auf die Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch. Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
  

                      Lukas 6, 27–38Wenn ich an Feindesliebe denke, hängt die Latte hoch: Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Martin Niemöller. Sie sind für mich Vorbilder. Christinnen und Christen wie sie, leisteten gewaltfreien Widerstand aus ihrer Feindesliebe heraus. Bonhoeffer und Scholl haben ihre Überzeugungen mit dem Leben bezahlt. Niemöller überlebte und hat sich bis zu seinem Tod für das friedliche Miteinander der Nationen eingesetzt. Das ist wahre Feindesliebe! Wie gesagt: die Latte hängt hoch und ich bewundere diese Menschen. Nein, ich bin nicht so.

Denn wenn ich ungerecht behandelt werde oder wenn ich mich gekränkt fühle – dann denke ich ehrlich gesagt nicht daran zu segnen oder demjenigen Gutes zu tun.

Und natürlich rege ich mich auf, wenn mich jemand beleidigt und wenn ich jemandem etwas leihe, erwarte ich selbstverständlich die Rückgabe. Das ist doch ganz normal, oder? Richtig, so scheint Jesus zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu sagen, richtig, das ist normal. Das tun alle, das tun auch die, die von Gott nichts halten.

Sich nichts gefallen lassen, lieber erst mal austeilen – schließlich hat doch der Andere angefangen. Ich achte auf meinen Vorteil, man muss doch schauen wo man bleibt. Wo ist das Problem –  so denken doch alle.

Mir scheint, als würde Jesus rufen: ihr seid Gottes Kinder, ihr seid nicht wie alle!
Ihr habt eine ganz andere Freiheit. Ihr könnt großzügig sein. Jesus selbst ist im biblischen Zeugnis ein Vorbild. Klar und radikal in der Sache, aber zugewandt und voller Liebe. Wir können die üblichen Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf stellen.
Ein gutes Wort, ein liebevoller Gedanke für Menschen, die es nicht wirklich gut mit mir meinen. Uneigennützig Gutes tun – ohne selbst etwas davon zu haben.

Feindesliebe ist die Zuspitzung von Nächstenliebe. Im Nächsten ein Geschöpf Gottes sehen. Wie oft gerate ich da an meine Grenzen und mühe mich damit. Ja, die Latte hängt hoch – die biblische Botschaft ist eine Herausforderung, jeden Tag. 

                        Siglinde Meyer, München