Klieme und Raab
Gabriele Klieme mit dem Foto ihres im Krieg gefallenen Großvaters. Jörg Raab von der Kriegsgräberfürsorge hilft bei der Suche nach dem Grab.

Als die Briefe ausblieben

Ob dort Wilhelm Gräbner bestattet war? Gabriele Klieme hat ihn selbst nie kennengelernt. Sie wurde viel später geboren. Aber in der Erzählung der Familie war er immer irgendwie lebendig geblieben. Wilhelm Gräbner stammte aus Gräfenberg nahe der Fränkischen Schweiz. Er war Sattler und hatte in Nürnberg in der Hinteren Kreuzgasse bis zum Krieg eine kleine Sattlerei. Während des Kriegs hatte Kliemes Großmutter immer wieder an ihren Mann geschrieben. Und immer wieder kam per Feldpost Antwort zurück. Doch dann blieben die Briefe aus und eines Tages kam ihre eigene Post, die sie an ihren Mann geschrieben hatte, zurück.Da wusste sie, ihr Mann Wilhelm muss gefallen sein.

Klieme hält einen ergrauten und inzwischen dünn gewordenen Brief in der Hand. Der Kompaniechef ihres Großvaters, Hauptmann Karl Klett, schrieb der Ehefrau am 11. Februar 1944 über die Umstände des Todes des Lastwagenfahrers der Wehrmacht: „Ihr Mann ... hatte den Auftrag Infanteristen zu einer Panzersperre zu fahren, die noch vom Feind besetzt war und genommen werden sollte. Bei diesen Kämpfen fand Ihr Mann den Heldentod.“

Dann gab der Hauptmann an, wieso es so schwierig war, die genaue Lage des Grabes zu bestimmen. „Die Kompanie erhielt erst einige Tage später, durch Abgabe der Erkennungsmarke ... davon Kenntnis und mit der Mitteilung, dass ihr Mann dort auch bei der Panzersperre in einem Feldgrab begraben worden sei.

Dieses Feldgrab wurde von Kompanieangehörigen deshalb nicht gefunden, weil die dort liegenden Gräber nicht beschriftet worden waren. Nachträgliche Nachforschungen haben ergeben, dass die dort vorhandenen Feldgräber restlos auf den Heldenfriedhof in Bastia umgebettet worden sind. Durch die Kürze der Zeit und durch die dortigen Ereignisse konnte die Kompanie die genaue Grablage leider nicht mehr feststellen.“

Verwandte der Gräbners hatten das Grab an einem anderen Soldatenfriedhof in den achtziger Jahren schon einmal gesucht, schickten dann aber ein Bild einer Grabplatte eines anderen Gefallenen. Sie zeigt ein vergilbtes Foto. „Da stimmt doch nur der Vorname Willi überein“, sagt sie ratlos. Mit der Hoffnung, dass das Grab ihres Großvaters hier in Bastia zu finden ist, kam Gabriele Klieme an diesem Morgen hierher.

Doch Jörg Raab muss sie aufklären: Das hier, war nicht der ursprüngliche Soldatenfriedhof. Das war der mit den schiefen Kreuzen auf dem alten Foto. Schon damals wurde allen damaligen Verantwortlichen der Kriegsgräberfürsorge klar, dass sich das ändern musste. Da seine Lage an der Hauptverkehrsstraße einen angemessenen Ausbau unmöglich machte, musste im Rahmen des deutsch-französischen Kriegsgräberabkommens die Anlegung eines neuen Friedhofs für alle auf der Insel Korsika gefallenen und verstorbenen deutschen Soldaten vorgesehen werden.

Die hierzu erforderlichen Umbettungen begannen 1964 und wurden noch im gleichen Jahr zu Ende geführt. Im Verlauf dieser Exhumierungen gelang es, eine Anzahl bisher nicht bekannt gewesener Gräber aufzufinden und eine große Anzahl bis dato unbekannter Toter zu identifizieren. Wilhelm Gräber scheint, so musste Raab an diesem Morgen konstatieren, vermutlich nicht dabei zu sein. Er versprach der Familie bei der Recherche nach dem Grab des Großvaters zu helfen.

Denn genau darin liegt eine der ureigensten Aufgaben des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V.. Die Begegnung mit dem Ehepaar Klieme zeigte den bayerischen Journalisten, dass die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge heute noch sinnvoll und für die betroffenen Hinterbliebenen wichtig ist. Immer noch suchen Angehörige den Ort, an dem ein Gefallener liegt. Es tröstet ein wenig, die Stelle zu kennen und einen geographischen Ort für die Trauer und die Erinnerung zu haben. Die Gewissheit, dass etwas irdisches zurückblieb und der geliebte Mensch nicht atomisiert wurde und ganz von der Erde verschwand. Man kann sich vorstellen, wie enttäuschend es ist, wenn man den Ort dann nicht findet.

Ein würdiger Ort

Für viele der deutschen Gefallenen gelang es, so Raab in seiner Ansprache, eine ansprechende letzte Ruhestätte zu schaffen. Man gab der Gräberstätte ein parkähnliches Aussehen und fügte es in die moderne Vorstandlandschaft ein. Der Blick von der Plattform, auf dem sich Repräsentanten und Besucher der Gedenkfeier versammelt hatten, verbindet das Gräberfeld und das Hochkreuz mit der Weite des Mittelmeeres im Osten, der Ebene im Süden, der Stadt Bastia im Norden und der gewaltigen Bergkette Korsikas im Westen zu einem bleibenden Eindruck. „Die Anlage wurde vor etwas mehr als 50 Jahren, am 13. September 1969, im Beisein von über 200 Angehörigen eingeweiht“, so Raab.

Die Versöhnung und Freundschaft der einstigen Kriegsgegner, stand auch diesmal im Mittelpunkt der Zeremonie. Schon damals bei der Eröffnung der neuen Anlage sagte Jean Zuccarelli, Bürgermeister von Bastia: „Die gefallenen deutschen Soldaten sind in korsischer Erde von einem Mantel der Liebe umhüllt. Es gibt keinerlei Unterschiede gegenüber unseren eigenen Toten. Was uns trennte, gehört der Vergangenheit an, Hand in Hand wollen unsere beiden Völker in die Zukunft gehen …“

Und auch an diesem Vormittag im September 2019 werden versöhnende Wort gesprochen. „Deutschland und Frankreich waren Feinde, aber dieses Kapitel ist abgeschlossen und wir sind heute in Freundschaft verbunden“, war der einhellige Tenor auch auf der Seite der französischen Delegation.

Und die war hoch dekoriert besetzt. Neben Vertreter der Stadt und der Polizeibehörden legten Georges Tardieu, Generalbevollmächtigter von Souvenir Francais Haute-Corse, Oberst a.D. Manuel Guerrero, Vizepräsident des Verbands der Vete­ranen und Kriegsversehrten für Korsika Blumengebinde am Kreuz für die deutschen Soldaten nieder.

Auf deutscher Seite war eigens Oberst Markus Bungert, Luft­waf­fen­attaché an der Deutschen Botschaft in Paris angereist. Militärdekan Michael Gmelch von der Universität der Bundeswehr München hielt eine Andacht und sprach auf französisch ein Gebet für Freiheit und Frieden.

Landesgeschäftsführer Jörg Raab legte für den Volksbund nicht nur ein Gebinde auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Bastia nieder. Auch auf der französischen Kriegsgräberstätte in Bastia und auf der britischen Kriegsgräberstätte Bi­guglia hatte man der dort ruhenden 118 und 60 Toten gedacht und Blumen niedergelegt. Im Laufe der Reise besuchte die Gruppe des Volksbundes noch Gedenkstätten, die an die Männer und Frauen der korsischen Widerstandsbewegung und deren Kampf für die Freiheit ihrer Heimat erinnern. Zum Abschluss der Gedenkfeier in Bastia, sagte Raab in Richtung der französischen Offiziellen und Besucher „Lassen Sie uns den eingeschlagenen Weg des Gedenkens, der Versöhnung und der Erinnerung weiter gemeinsam begehen.“

Tief bewegt von der Zeremonie, und etwas getröstet, dass durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Hoffnung besteht, das Grab des Großvaters irgendwann einmal doch noch zu finden, verließen auch Gabriele Klieme und ihr Mann Jürgen den Deutschen Soldatenfriedhof in Bastia. Gabriele Klieme hält die kleine Gedenkplakette fest in ihren Händen. Ob es sich bei der Darstellung um Dürers „Betende Hände“ handelt, kann man nur erahnen. Eigentlich wollte sie diese irgendwo an der Straße ablegen, als sie das Grab ihres Großvaters an diesem Vormittag nicht fand, sagte sie. Doch nun nahm sie das Täfelchen wieder mit, in der Hoffnung, dass die Kriegsgräberfürsorge ihr doch noch helfen kann. 

                    Martin Bek-Baier

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