„Den Selfie–Blick weiten“

Brücke
Foto: Bek-Baier

Ein Zuckerschlecken ist die Arbeit auf Straßenbaustellen bei Wind und Wetter nicht. Doch zunehmend erleben die Straßenbauarbeiter, dass ausgebremste Autofahrer austicken. Straßenwärter werden aus dem Autofenster heraus wüst beschimpft, manchmal sogar bespuckt, so ein Mitarbeiter eines Straßenbauamtes. Vor 15 Jahren haben die Menschen noch „die Verzögerungen in Kauf genommen. Heute ist das nicht mehr so. Die Menschen sehen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen. Sie zeigen sich nicht mehr solidarisch mit der Gesellschaft, sie sehen nur noch ihre eigene Welt und ihren eigenen Vorteil“.

Ist es wirklich so, dass die Menschen vor allem ihre eigene Welt im Blick haben? Man könnte es meinen. Gleichzeitig hat es das schon immer gegeben, vielleicht nicht in dem Maße wie heute. So entdecke ich auch in der Bibel viele Geschichten mit dem Selfie-Blick.   

In einer Szene begegnen wir Maria, der Mutter Jesu, die vor allem ihre eigene Welt, ihre ausgebremsten Interessen sah und Jesus mit ihrer Familie nach Hause holen wollte:

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

                                                     Markus 3, 31–35

In ihrem Selfie-Blick setzte Maria ihre Interessen absolut. „Ich, Maria, werde immer älter, mein Sohn Jesus muss jetzt für mich sorgen, als Familienoberhaupt Verantwortung übernehmen. Stattdessen hat er seine Berufung als Wanderprediger entdeckt und hat zwölf Männer als neue Familie um sich versammelt. Ich muss ihn zur Vernunft bringen!“

Maria konzentrierte sich mit dem Selfie-Blick auf ihre enttäuschten Erwartungen, ohne das erwachsen gewordene Kind mit seiner Berufung zu sehen. Ja, der Selfie-Blick kann einengen, Gemeinschaft belasten, Familie überlasten.

Wenn das „Ich“ das „Wir“ verdrängt, ein Selfie das Gruppenfoto verhindert, die eigenen Interessen über den Gruppeninteressen stehen, dann wird es schwierig. Dagegen wendet sich Jesus: Er weitet den Selfie-Blick: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“ Und er sah ringsum … und sprach: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder.“      

Jesus nimmt die Gemeinschaft in den Blick und gibt dem menschlichen Willen ein Korrektiv: Gottes Willen. Also: Statt „Selfie-Blick – der Blick auf die Gemeinschaft“. Statt „Mein Wille geschehe – Gott, dein Wille geschehe“, statt „Zuerst komm ich – Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

In einer immer individuelleren Gesellschaft braucht es die Weitung des Selfie-Blicks. Das zeigen exemplarisch die Erlebnisse der Straßenbauarbeiter. Verstehen, dass wir vom „Wir“, von der Gemeinschaft leben, dass z.B. auch die Straßenbauarbeiter in ihrem Tun vor allem uns dienen und unseren Respekt verdienen. Wir alle brauchen – da oder dort – die Weitung unseres Selfie-Blicks. Gute Erfahrungen und eine gesegnete Woche wünscht Ihnen

                Friedrich Schuster, Dekan, Fürth


Gebet:

Herr Jesus Christus, führe uns zu einem guten Miteinander und Füreinander in unseren Beziehungen, in unserem Leben. Schenke uns Augen, die den Nächsten sehn. Amen.

Lied 649:

Herr, gib du uns Augen