Eigene Akzente setzen

Hope Foundation
Der Verein A. E. S. schob den Bau von Sanitärgebäuden der Hope Foundation für eine Grundschule in Kamerun mit an. Foto: Privat

Lebenslinien: Arbeitskreis für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung hilft seit 1969

Es war vor 50 Jahren: Beim Stuttgarter Evangelischen Kirchentag anno 1969 gab es eine Unterschriftenliste – mit Folgen. Menschen aus ganz Deutschland forderten eine Selbstbesteuerung, um ihren Partnern aus Entwicklungsländern „ein wenig von unserem Wohlstand zurück zugeben“. So erinnert sich Dietar Steller. Der einstige Religionslehrer, der heute in Lindau lebt, war von Anfang an dabei. Schon damals galt: Für die Rohstoffe aus Entwicklungsländern waren die Preise so gering wie möglich. Und Entwicklungshilfe war und ist oftmals eine Anschubfinanzierung, um deutschen Wirtschaftsinteressen den Weg zu bahnen.

Das wollten die Unterzeichner damals nicht länger hinnehmen. Zwar hatte ihr Aufruf damals keine politischen Folgen – wohl aber persönliche. Zumindest für die Engagierten, die damals aus Bayern kamen. Rund 120 Personen waren es. Dietmar Stoller besuchte etwa zur selben Zeit einen Kongress in Nürnberg zum Thema „Teilen und Leben“, bei dem damaligen Entwicklungsminister Erhard Eppler, der ihn „sehr motivierte“. „So kümmerte ich mich um die in Stuttgart gesammelten Adressen und organisierte und plante mit Freunden ein Treffen“ der bayerischen Unterzeichner.

Sie erklärten sich bereit, sich freiwillig selbst zu besteuern. Seit 50 Jahren zahlen die Mitglieder zwischen einem und drei Prozent ihres Jahres-Netto-Einkommens auf ein gemeinsames Konto. Entstanden ist daraus der „Arbeitskreis für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung (A. E. S.)“. Als „eingetragener Verein“ ist er erst seit 1982 als gemeinnützig anerkannt. Aktuell hat er rund 60 Mitglieder. Zweimal jährlich treffen sie sich zum Gedankenaustausch. Sie informieren sich über aktuelle Fragen der Entwicklungspolitik und entscheiden über die Verwendung der Projektgelder. Zwischen 30.000 und 40.000 Euro kommen von ihnen Jahr für Jahr zusammen.

Gerade in den Anfangsjahren hätten sich viele evangelische Diakone bei ihnen engagiert, die persönliche Beziehungen ins Ausland hatten oder dort längere Zeit arbeiteten. Inzwischen haben sie auch vielfältige Kontakte zu Kirchlichen Freiwilligen, die sich für ein Jahr oder länger im Ausland engagiert haben. Oder zu dem BMZ, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, erklären Stoller und der langjährige Vereinsvorsitzende Herbert Michalzcyk. Es prüft selbst Projektanträge, bewilligt aber meist erst Zahlungen, wenn ein gewisser Prozentsatz der Finanzierung anderweitig gesichert ist. Da kann der A. E. S. Akzente setzen.

Beverly Zane aus München hat einen Partner, der aus dem Senegal stammt. Sie engagiert sich ebenfalls schon seit Jahren in dem Verein A. E. S. Die Aktiven dort entschieden sich bereits mehrfach für Projekte aus dem Heimatdorf ihres Partners. So entstanden Sanitäranlagen für die dortige Schule. Und sie unterstützten die dortige Schulbibliothek.

Oder auch die „Hope Foundation“ aus Kamerun, die um Unterstützung für die Sanitäranlagen für die Grundschule in Bertoua, in der östlichen Region Kameruns bat. Die Hope Foundation wurde 2001 als Nichtregierungsorganisation in Kamerun gegründet mit dem Ziel Bildung, Gesundheit, Frauen- und Menschenrechte zu fördern. Die Projektleitung hat der Kameruner Bobga Fonkenmun.

Diese Schule besuchen rund 550 Kinder im Alter zwischen sechs bis zwölf Jahren und 50 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Nachmittags kommen weitere Erwachsene und Jugendliche hinzu, die Seminare und Schulungen besuchen. Der Verein hat da nach Rückfragen und ausführlichen Antworten im April 2017 eine Unterstützung von 2.000 Euro genehmigt. Berliner Studierende der Architektur zeichneten Pläne für den Bau. Ein Jahr später lief ein Fortsetzungsantrag. Fotos (oben) und Berichte belegen den guten Fortgang des Baus.

Beverly Zane reist mit Begeisterung zu den halbjährigen Treffen an verschiedenen Orten Bayerns. Der Gedankenaustausch mit „Menschen, die mitdenken“, begeistert sie. Es sind für sie herausragende Beispiele, „wie man sich als Christ engagieren kann“. Schade findet sie nur, dass der Verein nicht alle Anträge unterstützen kann.
Kriterien für Projekte sind unter anderem die Nachhaltigkeit, der ökologische Ansatz aber auch die Beteiligung von Frauen vor Ort, so Stoller. Wie können Reparaturen vor Ort, etwa von Photovoltaikanlagen effizient geschehen? Gibt es Firmen in Entwicklungsländern, die den Aufträgen nachkommen können und so selbst unterstützt werden?

Etwa mit einem Drittel der Mitgliederbeiträge unterstützen sie auch Projekte aus Deutschland, deren entwicklungspolitischer und erzieherischer Auftrag für sie überzeugend ist. Etwa Theaterprojekte der „Berliner Kompanie“, die damit durch Schulen touren. Oder den Verein „Südwind“, der von Deutschland aus entwicklungspolitische Grundlagenforschung betreibt – etwa über die Arbeitsbedingungen von Menschen in asiatischen Textilfabriken. Jedes Projekt hat einen zuständigen „Paten“ im Verein, der sich um weitere Informationen kümmert und kontrolliert, ob das Geld jeweils gut angelegt ist. Ihre Auslagen für die halbjährlichen Zusammenkünfte zahlen die Mitglieder des Vereins selbst. Ebenso Auslagen für Briefwechsel oder Gebühren, um etwa an Informationen zu kommen, so Herbert Michalzcyk.

Immer weniger Menschen wollten sich so langfristig binden, bedauert Herbert Michalzcyk. Internet und E-Mail hätten zwar durchaus die Arbeit erleichtert, doch kommt der Verein durch seinen langfristigen Anspruch eindeutig an seine Grenzen. Schließlich finanziert er sich ausdrücklich nur aus der Selbstbesteuerung der Mitglieder. Weitere Spenden sammelt er nicht, da die Geber über die Verwendung ihrer Gelder mitentscheiden sollen. Jede Stimme von ihnen zählt gleich viel – egal wie hoch das Gehalt ist, von dem die freiwilligen „Steuersätze“ abgehen. Bei beruflichen Krisen oder Arbeitslosigkeit können die Mitglieder auch zeitweilig ihre Zahlungen einstellen. Ganz bewusst wollen sie nicht an große Hilfsorganisationen spenden, sondern selbst über die Projekte entscheiden, die sie unterstützen. Das ist auch mit einem großen persönlichen Engagement verbunden. Denn die Anfragen, die hereinkommen, wollen sie genau hinterfragen und prüfen, erklärt Dietmar Stoller.

Mehr über den Verein im Internet unter http://www.aes-ev.de. Er feiert das Jubiläum am 14. September 2019 ab 18 Uhr in der Seidl Villa in München mit einem Vortrag von Thomas Gebauer, dem Geschäftsführer von medico international mit Musik, senegalesischem Essen und weiteren Informationen.

                     Susanne Borée