Editorial: Zeit zum Pflanzen?

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Hier sieht man Dürre, dort fällt Starkregen. In den Nachrichten verkünden die Sprecherinnen und Sprecher neueste Untersuchungen zum Thema Klimawandel. Die Jugend protestiert lauthals auf der Straße – aber auch die Eltern- und Großelterngenerationen mischen  mittlerweile mit und treffen sich in neu entstanden Gruppen.

Sie alle malen ein düsteres Bild der Zukunft. Luther soll einmal geschrieben haben: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Wäre heute dafür noch Zeit? Bei dem Wassermangel mancher Landstriche, den leeren Zisternen und dem niedrigsten Grundwasserspiegel fragt man sich, mit welchem Wasser man dieses Bäumchen angießen wollte - selbst für einen Tag.

Man könnte verzweifeln, wenn man sieht und begreift. In Depression und Zukunftsangst verfallen. Oder im ganz Kleinen beginnen, wie Sabine Dinkel. Sie sammelte Kleinteile Müll am Strand. Hier ein Teil einer kaputten Kinderschaufel, dort fünf Luftballonenden und fünf Schritte weiter Limonadenflaschendeckel, direkt neben einem verlorengegangen Schnuller. Doch bevor sie es endgültig wegschmiss, breitete sie ihre „Schätze“ aus. Auch sie sah und begriff: nicht einen möglichen Müllberg, den sie hier gerade eingesammelt hatte, sondern kleine Geschichten. Aus dem vergessenen, kleinen, rosafarbenen Plastikseesternchen wird der Bauch von „Dörte Rösselmann, dem kleinen Dickbauchseepferdchen“.

Sie sammelt Müll mit großer Leidenschaft, legt ihn zu neuen Figuren zusammen, klebt ihnen Wackelaugen auf und erfindet ganz neue Figuren. Menschen in ihrer Umgebung sind mittlerweile ebenfalls „infiziert“ vom Sammeln und Neuerfinden. In den Sozialen Netzwerken tauscht man sich aus und zeigt seine neuesten Kreationen.

Umweltschutz kann auch „leicht“ daher kommen. Sie kann mit Kreativität gefüllt werden und nicht nur mit einem erhobenen Zeigefinger und angsterfüllter Stimme. Sabine Dinkel nennt es „Das Gute im Schlechten entdecken“. Luther hätte daran möglicherweise an dieser Sicht auf die Welt seine Freunde gehabt und sie zum Apfelbäumchenpflanzen eingeladen.

Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz