Der Mittelweg führt zum weisen Leben

Brücke
Foto: Bek-Baier

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

                     Prediger 7, 15–18

20, aber kaum einer hält sich daran! Und ich selber bin auch meistens etwas schneller unterwegs. Ab und zu kommt es vor, dass vor mir jemand tatsächlich mit 20 fährt und ich ertappe mich dabei, wie ich mich ausgebremst fühle. „Mein Gott“, denke ich, „muss der wirklich so kriechen!“  

Jemand, der sich tatsächlich an das hält, was vorgeschrieben ist. In der Bibel heißt so jemand: Ein Gerechter. Wenn jemand in allen Dingen sehr genau ist und dabei aber zugleich eine fröhliche Ausstrahlung hat, dann ist das in Ordnung, ja sogar vorbildhaft. Problematisch dagegen ist der Umgang mit Pedanten und Besserwissern, die jedes Fehlverhalten bei anderen geißeln, alle um sich herum erziehen wollen, sich selber aber stets im grünen Bereich wähnen.

Der Prediger erzählt uns von einem Gerechten, der scheinbar so eindeutig auf die Einhaltung des Vorgeschriebenen bedacht war, dass er darüber die Freude am Leben verloren hat. Schade, denn die Vorschriften sind eigentlich nicht so sehr als eindeutige Gesetze sondern viel mehr als Weisungen zu verstehen, als Wegweiser und Andeuter einer Richtung zum guten, zum gelingenden Leben. „Tu das und
du wirst leben“ (Lukas 10, 28).

Umgekehrt weiß der Prediger aber auch von einem Menschen zu erzählen, der sich ebenso eindeutig an überhaupt nichts gebunden sah, jedoch „in seiner Bosheit“ lange lebte. Was soll man jetzt davon halten?

Vielleicht will er damit sagen: Es mag im Durchschnitt so sein, dass ehrlich am längsten währt und ein gesunder Lebenswandel die Lebenserwartung steigen lässt, aber es gibt keine Garantie dafür, dass ein tadelloses Verhalten mit einem langen Leben belohnt wird. Und andererseits kann es vorkommen, dass Lügen sehr lange Beine haben und jemand sich unfassbar viele Jahre lang durchgaunert.

Doch so ungerecht verschieden die Lebensdauer in diesen beiden Beispielen auch ist, der Gerechte und der Gottlose haben auch einiges gemeinsam. Beide verfehlen das Ziel, ihr Leben „weise“ zu führen. Beide handeln selbstgerecht. Beide richten sich selbst und zwar zugrunde. Der eine früher und der andere später.

Die beiden Extremschilderungen enden mit drei interessanten Auf­forderungen: Sei nicht „allzu gerecht“ und nicht „allzu gottlos“. Wähle stattdessen einen Mittelweg. Das Eine tun und gleichzeitig das Andere nicht aus der Hand lassen. Wie geht das? Der Prediger empfiehlt eindeutig: Fürchte Gott! Mache dir eindeutig klar, wer du bist! Geschöpf und nicht Schöpfer, Zeitlicher und nicht Ewiger, ab in die zweite Reihe, runter vom Ross! Das gilt auch für Könige wie David und Salomo. Mein Leben ist „eitel“ sagt der Prediger voller Gottes- und Selbstbewusstsein.

20, noch immer zuckelt dieser Kriecher vor mir her! Der will mich wohl erziehen! Das kann ich ja gar nicht haben! Oder vielleicht doch nicht? Sitzt der da vorne drin und hört gerade seelig den zweiten Satz aus einer Mozart-Sinfonie? Hab ich es eigentlich wirklich so eilig? Jetzt biegt er vor mir ab! Freie Bahn! Und welches Tempo? Ich entscheide mich für etwas mehr als 20.

                  Pfarrer Roland Thürmel, Dekanatsentwicklung, Regensburg

Lied 372:

Was Gott tut, das ist

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