Schonzeit vorbei?

Juna Grossmann
Die Museumfachfrau und Bloggerin Juna Grossmann hat ein Buch über den alltäglichen Antisemitismus in Deutschland geschrieben. Foto: Steeg

Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus

Juna Grossmann arbeitet in einer NS-Gedenkstätte und beobachtet seit Jahren, wie offene judenfeindliche Angriffe zunehmen, lauter werden, bedrohlicher. Die jüdische Bloggerin bekommt regelmäßig Hasspost. In ihrem Buch schildert die jüdische Deutsche das Leben unter diesem permanenten antisemitischen Beschuss, berichtet vom Wachsen einer Angst, die sie vor einigen Jahren noch nicht kannte, und davon, wie sie eines Tages merkte, dass auch sie mittlerweile auf gepackten Koffern lebt, bereit zur Flucht vor dem Hass. Mit ihr hat Inge Wollschläger gesprochen. "Schonzeit vorbei" heißt Ihr Buch.

Wo erleben Sie, dass für Sie als Jüdin die Schonzeit vorbei ist? Wie hat sich das Leben als Jüdin verändert?

Ich glaube nicht, dass es für Juden wirklich eine Schonzeit gab, vielleicht ein Schweigen, ein Wegsehen und ein "nicht wissen". Ich denke den Titel doppeldeutig, denn auch andersherum ist die Schonzeit vorbei, wir dürfen nicht mehr schweigen.
Antisemitismus ist normaler Bestandteil eines jüdischen Lebens in Deutschland, vielleicht so normal, dass wir vieles gar nicht mehr so wahrnehmen oder eben augenrollend daran vorbei gehen. In der Summe aber sieht es anders aus. So stellt die ältere Dame - nach einer Beschwerde über den Winterdienst fest, den das Museum in dem ich arbeite, durchführen muss, dass wir und die Stadt das auch alles gar nicht so tun können, weil man ja die ganzen Juden bezahlen muss.

So vermietet ein Wohnungseigentümer offen nicht an Juden. So ist das Anführen der Sprachkenntnis Hebräisch oder ein vermeintlich jüdischer Name Einstellungshindernis. Eine Freundschaft zerbricht, weil es einseitig fragwürde Ansichten über das Judentum gibt. In den letzten zehn bis 15 Jahren sind diese Anfeindungen offener geworden, weniger hinter vorgehaltener Hand. Es passiert offen, ohne Scham und die Personen fühlen sich auch moralisch im Recht, nach dem Motto: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen...".

Was meinen Sie, woher und warum dieser Antisemitismus wieder aufflammt?

Ich denke, da steckt sehr viel drin, von "das wird ja schon stimmen, wenn Juden schon so lange gehasst werden", ein "da muss doch etwas dran sein", das höre ich immer wieder. Nein, daran ist nichts dran. Betrachtet man die Geschichte des Judenhasses begreift man sehr schnell, dass es nicht an den Juden, sondern an Menschen lag, die ihnen alle Rechte absprachen. Doch Opfer-Täter-Umkehr ist eine weit verbreitete Sicht. Ich glaube aber auch, dass das, was wir in Sachen Antisemitismus sehen, in vielen Bereichen zu sehen ist: Was irgendwie anders ist, gehört nicht zu uns. Ich selbst sehe sehr viel Unwissen über jüdisches Leben, und ich meine Leben. Lebendiges Judentum ist so wenig präsent in unserem Alltag, dass es nicht gesehen wird und nicht gekannt wird.

Ich erlebe sehr klassische Vorurteile wie Ritualmord an Kindern, das ewige Thema des Geldes und der angeblichen Beherrschung von Banken und Medien durch Juden bis hin zur Verurteilung der Speisegesetze. Wir müssen definitiv etwas in Sachen Bildung tun, Judentum ist eben nicht nur die Zeit der Tempel, Judentum ist viel mehr. Es ist sehr lebendig, es ist bunt, diskussionsfreudig, humorvoll und sehr philosophisch. Und natürlich gibt es auch Projekte wie "Rent a Jew", einem ehrenamtlichen Projekt, bei dem Jüdinnen und Juden in Gruppen wie Schulen oder Kirchenkreise eingeladen werden können, um von ihrem Judentum zu erzählen, Fragen zu beantworten, ganz normale Menschen aus der gesamten Bandbreite jüdischen Lebens.

Wie wird es weitergehen für Sie und ihre Familie?

Wir leben Tag für Tag. Langfristige Pläne gibt es nicht. Wir leben unser Leben, das eben leider doch oft genug und manchmal zu oft in eine Schieflage gerät, wenn wieder etwas passierte. Entspanntes Leben sieht anders aus und dennoch ist es unser Alltag geworden. Ich habe allerdings, und ich muss es in dem Zusammenhang so sagen, das Glück, keine Kinder zu haben. Ich bin nur für mich selbst verantwortlich und für meinen Freund. Ich kann mir nicht ausmalen, was wäre, hätten wir Kinder und würden ein einigermaßen unbeschwertes Leben für sie wollen.

Wie gehen Sie ganz persönlich mit diesem Hass um?

Es ist ein merkwürdiges Zwischending von Augenrollen und Fassungslosigkeit. Es ist irgendwie Alltag geworden, ein Alltag allerdings, auf den ich gern verzichten möchte. Ich rede darüber, mit meinem Freund, manchen Kolleginnen, versuche, Abstand davon zu bekommen. Das gelingt manchmal leicht, manchmal weniger leicht.

Was kann man gegen diesen Hass unternehmen?

Widersprechen. Und wenn es nur kleine "blöde Sprüche" sind, sei es im Familienkreis, auf Arbeit oder auch in öffentlicher Umgebung. Antisemitismus ist nur eine Facette, wir sprechen von allgemeiner Diskriminierung, Rassismus. Das hat einfach nichts in unserer Gesellschaft zu suchen. Wir dürfen keine Diskriminierungen dulden. Wir sollten das vermeintlich Fremde als etwas Bereicherndes sehen. Es ist so unglaublich spannend, Neues zu entdecken. Nachfragen. Mit den Menschen reden, nicht über sie.

    Inge Wollschläger

"Schonzeit vorbei - Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus" ist bei Droemer erschienen und kostet 14,99 Euro. ISBN: 9783426277751.

Mehr von Juna Grossmann kann man auf ihrem Blog "irgendwiejuedisch.com" lesen. Dort schreibt die Berlinerin über ihr Leben als liberale Jüdin.

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