Gewaltiger Wandel im sanften Gewand

Christian Pfeiffer
Christian Pfeiffer bei der Tagung „Mythos Gewalt“ im Evangelischen Bildungszentrum Bad Alexandersbad. Foto: Borée

Christian Pfeiffer dachte in Bad Alexandersbad über Gewalt in der Gesellschaft nach

'Christian Pfeiffer war 13 Jahre alt: Am Rande einer kleinen Stadt am Inn wohnte er als Kostgänger auf einem Bauernhof, um das Gymnasium besuchen zu können. In einer Nacht weckte ihn Lärm: Der Verwalter tat seiner Frau Gewalt an. Doch vor 60 Jahren war dies in der Ehe kein Grund, um die Polizei zu rufen.

Diese Erfahrung prägte ihn: Christian Pfeiffer, geboren 1944, erlangte Bekanntheit als Kriminologe. Er leitete mehr als 30 Jahre lang das Kriminologische Forschungsinstitut (KFN) in Hannover. Nun lud ihn das Evangelische Bildungszentrum Bad Alexandersbad zu einem Wochenendseminar zum Thema "Mythos Gewalt - Wie lässt sich die Gewalt in unserer Gesellschaft vermindern?" ein.

Pfeiffer gab in den 1990er Jahren Anstöße für eine Strafverfolgung bei der Vergewaltigung in der Ehe. Seit Mitte 1997 ist dies Vergehen strafbar. Und seit 2002 gilt das Gewaltschutzgesetz in Familien. Nicht das Opfer muss sich in Sicherheit bringen, sondern der Täter kann polizeilich der Wohnung verwiesen werden - selbst wenn sie ihm gehört. Pfeiffer beschäftigte sich lange mit den Fragen, wie sich der gesellschaftliche Wandel auf Gewalttaten auswirken kann. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Gewalt in Familien und gegenüber Kindern. Elterliche Züchtigungen sind seit dem Jahr 2000 verboten.

Auch hier prägte Pfeiffer ein Erlebnis, von dem er im Bildungszentrum berichtete: Vor genau 40 Jahren, am 22. Oktober 1978, hörte er im Autoradio die Rede Astrid Lindgrens bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sie sprach sich deutlich gegen Misshandlungen von Kindern aus. Pfeiffer fuhr sofort auf einen Parkplatz, um sich die Rede genau anzuhören. Lindgren setzte damit einen Prozess in Gang, der in dem Verbot des Jahres 2000 endete. In Skandinavien traten solche Gesetze schon früher in Kraft.

Gewaltig verschätzt

Gleich zu Beginn der Tagung forderte der Kriminologe die Teilnehmer: Er nannte ihnen die Zahlen der Gewalttaten, der Raubdelikte, der Leichen bei Tötungen, der Sexualmorde oder die Toten nach Schusswaffengebrauch vor Jahrzehnten. Nun sollten sie die aktuelle Entwicklung schätzen. 

In allen Bereichen waren die Gewalttaten aktuell sehr zurückgegangen. Die Sexualmorde waren in den vergangenen 30 Jahren besonders deutlich von 55 auf fünf gesunken, die Tötungen durch Schusswaffen in den vergangenen 20 Jahren von 626 auf 126, so Pfeiffer. Hier lag das Gespür der Seminarteilnehmer besonders gewaltig daneben: Im Durchschnitt kamen sie auf die gleiche Zahl von Sexualmorden von 55 - also zehnmal höher als real. Sie schätzten, dass heute durchschnittlich 536 Tötungen mit Schusswaffen geschehen, also ein Unterschied von 325 Prozent zur Realität.

Keine Überraschung für Christian Pfeiffer: Im Vergleich zu anderen Versuchsgruppen hielt er die Seminarteilnehmer in Bad Alexandersbad noch für ausgesprochen realitätsnah.

Ja, aber zeigen nicht die Diskussionen um die Flüchtlingskrise oder die MeToo-Debatte eine Zunahme von Sexualdelikten in der jüngsten Vergangenheit? Trotzdem: Gewalttaten sinken rapide in unserer Gegenwart. Wer viele Krimis schaut, hält auch in der Realität Schusswaffen für allgegenwärtig. Je mehr sich die Menschen über Privatfernsehen oder gar das Internet informieren, desto mehr verschätzen sie sich dabei, meint Pfeiffer. Bei Ostdeutschen sei dieser Effekt besonders deutlich.

Neben unterschiedlicher Mediennutzung stellte Pfeiffer auch in Alexandersbad einen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und einer frühen Sauberkeitserziehung in den DDR-Krippen her. Da mussten die Kinder schon mit einem Jahr trocken sein. Das lässt sich zwar schaffen, aber nur durch massiven Druck. Auch wenn es riesige Müll- oder Wäscheberge an Windeln reduziert, erzeuge es aber ungeheure Frustration der Kinder. Diese Praxis sei zwar wohl nach dem Ende der DDR geringer geworden, aber nicht verschwunden. Jedoch waren diese Erklärungen Pfeiffers schon 1999 nicht unumstritten.

Daneben sei die ostelbische Region auch schon im 19. Jahrhundert zentral auf einzelne Junker ausgerichtet gewesen. Dort hätte preußisch-protestantischer Drill eine weit höhere Verbreitung als im Süden. "Der Osten ist aus Abhängigkeiten nie herausgekommen", so Pfeiffer in Alexandersbad. Nicht erst seit 1990 ziehen dort unabhängigere Köpfe weg. Auch Pfeiffers Familie verließ 1952 die DDR.

Doch sah Pfeiffer bei der Tagung auch Risiken durch die vielen Flüchtlinge "aus Machokulturen" und bei einem deutlichen Überschuss junger Männer - und gerade dann, wenn sie untätig und frustriert sind. Aber es ist auch belegt: Wenn Täter und Opfer verschiedener Herkunft sind, wird eine Tat doppelt so häufig angezeigt.
Und was macht der Medienkonsum mit Kindern? Wenn sie sich gewalttätige Szenen anschauen, sinke die Empathie, so der Kriminologe. Dies sei umso stärker, wenn sie in Spielen auch selbst tätig werden. Ein direkter Zusammenhang zur Gewaltbereitschaft konnte nicht nachgewiesen werden. Pfeiffer meinte jedoch, dass zeitaufwendige digitale Spiele die Konzentration und damit die Leistungen gerade von Jungen in der Schule sinken ließen.

Grundsätzlich sah er aber in Bad Alexandersbad die viel stärkeren positiven Auswirkungen auf Kinder, die aufgrund des Gewaltverbots in Familien und gegenüber Kindern Raum gefunden hätten. Das erklärt für ihn, dass die Gewalt unter und von Jugendlichen so rückläufig sei.

Hilft Religion bei Gewalt?

Pfeiffer schüttelt da den Kopf: Das Gegenteil ist für ihn der Fall. Religiöse Erziehung beinhaltet für ihn autoritäre Strukturen: Am ehesten bei Muslimen. Aber auch Protestanten schneiden bei ihm nicht gut ab - Freikirchler am wenigstens, wenn sie den Satz: "Wer sein Kind liebt, der züchtigt es", wörtlich nehmen. Oder sie sind eher davon überzeugt, dass der Mensch verderbt sei. Katholiken hält er für viel weniger gewalttätig gegenüber Kindern, hier bringe der Marienkult ein sanfteres Element hinein.

Moment! Sprachen wir nicht gerade erst über den Missbrauch in katholischen Kirchen? Darüber sollte Christian Pfeiffer ursprünglich die Studie ausarbeiten. Auf diesem Feld seien die Strukturen der evangelischen Kirche ganz anders - weniger krankmachend, meinte er bei der Tagung. Ein Zölibat - per se unnatürlich - gibt es ja nicht. Sicher können auch Protestanten Kinder missbrauchen, die ihnen anvertraut sind - ebenso wie auch in säkularen Vereinen. Und natürlich gäbe es immer die Versuchung, Fehlverhalten der eigenen Gruppe zu vertuschen. Aber die Tendenz sei deutlich geringer.

Grundsätzlich sieht Christian Pfeiffer aber die Vorzüge empathischer Erziehung. Doch bis sie überall greift, ist Geduld gefragt, die auch nicht jeder Seminarteilnehmer hatte. Driften wir bis dahin auseinander? Zugespitzt gesagt: Können aufgeklärte Menschen auch bei verbalen Entgleisungen nachvollziehen, wie unglücklich die Menschen dahinter sind? Und reicht dann "soziale Zärtlichkeit", wie Pfeiffer forderte?      

                       Susanne Borée

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