Bei der Sache bleiben

Brücke
Foto: Bek-Baier

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

                     1. Korinther 7, 29-31

Die Sitzung dauert schon zwei Stunden und wir sind erst beim zweiten Tagesordnungspunkt. Ich  habe schon ein paar Blümchen gemalt und jetzt verabrede ich mich am Handy  mit meiner Tochter zum abendlichen Uno-Spiel. Ich bin in Gedanken ganz woanders. Der Sitzungsleiter ist gnädig und lächelt, Martin Luther aber hätte mich bestimmt zur Ordnung gerufen und mich ermahnt, bei der Sache zu sein und meine Arbeit zu tun, so wie ich es auch mit meinen träumenden Schülern tue, die sich für alles interessieren, nur nicht für meinen tollen Unterricht.  So tun als wäre ich gar nicht da. Das mag in Sitzungen möglich sein und in der Schule. Aber im Leben? Meint Paulus das? So tun als wäre nichts von Bedeutung für mich, keine Beziehungen und keine Gefühle? Weil ja doch alles bald vorbei ist?Luther würde widersprechen: Doch lieber Paulus, auch wenn das Ende der Welt  nah sein sollte, lohnt es sich noch, Bäume zu pflanzen und Ehen zu schließen und nicht so zu tun, als ginge uns die Welt nichts mehr an, weil ja Christus  bald alles verwandeln wird. Zustimmen würde der Reformator aber sicher der Erkenntnis, dass alles vergeht und diese Vergänglichkeit zum Wesen der Welt gehört. Und wir merken es ja auch: gerade im Herbst, gerade auch im Herbst des Lebens. Aber was folgern wir daraus? Wir leben nicht mehr in der Naherwartung der Wiederkunft Christi wie Paulus und wir hoffen darauf, dass noch lange nicht aufhören wird Saat und Ernte, Sommer und Winter.

Aber das verleitet uns gerade nicht zu einer Weltentsagung. Nicht Weltflucht, sondern Weltverantwortung muss die Folge einer bisher ausgebliebenen Wiederkunft Christi sein. Nicht an einem fernen oder nahen Tag wird die Welt verwandelt, wir sind es, die verwandeln sollen: Böses in Gutes, Trauer in Freude, Schwermut in Leichtigkeit. Nicht weil wir so toll wären, sondern weil wir "Licht der Welt", "Salz der Erde" sein dürfen, wie Jesus sagt. Und dazu müssen wir voll und ganz in der Wirklichkeit stehen. Und das heißt: Bei der Sache sein! Mich dem was ich gerade tue voll und ganz widmen, als gäbe es nur das. Mich auch meinem Gegenüber ganz zuwenden.

Psychologen haben herausgefunden, dass langweilige Schulstunden "schneller" vergehen, wenn man sich voll auf den Inhalt konzentriert und gerade nicht seine Gedanken schweifen lässt. Also das Gegenteil tun von dem, was Paulus den Korinthern rät? Nicht ganz. Einen Gedanken möchte ich herüberretten in unsere Zeit: Wenn ich in der Welt lebe und sie gebrauche als brauchte ich sie nicht, dann bin ich gelassen.

Und zu dieser inneren Gelassenheit lasse ich mich gerne von Paulus ermutigen: dass das, was ich für so wichtig halte, doch letztlich auch vergänglich ist, dass jede Sitzung so wichtig nicht sein kann und dass mich nichts Irdisches  abhängig machen muss, weil mir die Freiheit eines Christenmenschen geschenkt ist. Und dass auch meine Zeit kurz ist und vergänglich. Das kann mich gelassen machen das Wesen der Welt zu ertragen und doch tatkräftig dem Auftrag Jesu nachzukommen, nämlich Gott zu verkündigen - ganz bei der Sache, aber frei. Weil ich weiß, dass letztlich ein anderer das letzte Wort  zu sprechen hat.

                  Kirchenrat Oliver Spilker, Religionspädagoge
Gebet:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.

Lied 637:

Von guten Mächten

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