Über Schieflagen

Brücke
Foto: Bek-Baier

Wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", so tut ihr recht.

                                     aus Jakobus 2,1-13

In der Gemeinde ist etwas in Schieflage geraten. Oben sitzt der reiche Mann, unten der Arme. Die eindrücklichen Zeilen aus dem Jakobusbrief haben ihren Grund in einer tatsächlichen Schieflage, die sich ausgerechnet im Gottesdienst zeigte. Es ist nicht nur einer gewesen, der Plätze nach Wertung verteilte, es war nicht nur einer, der von Reichen verklagt wurde.

Der Apostel verfällt weder in Armutsromantik noch stellt er Reiche an sich unter Anklage. Er wählt als Ausgangspunkt seiner Mahnungen den Glauben an Jesus Christus. In dessen Gemeinde zählt das Vertrauen in seine Herrlichkeit. Aus diesem Glauben heraus folgt ein Leben als Christen, das sich an der Liebe Gottes orientiert, und es schließt sich der Kreis: im "Gesetz der Freiheit" werden erst Gemeinschaft und Ausgleich möglich zwischen Goldring und Schmutz.

Der Apostel schreibt nicht vor, das Gegenteil zu tun. Es wäre nur eine neue Schieflage, wenn der Arme geehrt würde und der Reiche sich auf den Boden setzen müsste. Was manchen nur als Nebensächlichkeit erschien, erweist sich als grundlegende Frage.

Es hat seinen tiefen, geistlichen Sinn, dass die Plätze in unseren Kirchen keine Unterschiede in Polsterung, Bequemlichkeit und Sichtbarkeit aufweisen. Wir fahren alle in der "Holzklasse" und kommen damit in Gemeinschaft an ein gutes Ziel. Es ist ein Ausdruck der Freiheit und Gleichheit, selbst wenn der größte Teil der Gemeinde im Gottesdienst wieder einmal "ganz hinten" sitzen sollte.

Der Verzicht auf das Ansehen der Person ermöglicht, im Anderen den Nächsten zu erkennen und in ihm Christus selbst. Der Nächste ist aller königlichen Ehren wert. Das "königliche Gesetz" ist ein Gesetz für alle Fälle. Es ist das einzige Gebot ohne Ausnahmetatbestände oder Bedingungen. Andere Gebote haben ihre Zeiten, zu denen sie erst Bedeutung erlangen. Dieses eine gilt für die Ewigkeit.
Gott helfe uns damit aus den Schieflagen des Ansehens und des Gesetzes. Wir leben allein aus seiner Barmherzigkeit. Das können wir zeigen. Gott sei Dank.

              Dekan Peter Bauer, Wunsiedel
Gebet:

Herr Jesus Christus, hilf mir, mich selbst neu zu betrachten, und meinen Nächsten wie den Fernsten im Schein deiner Liebe. Hilf mir zur Barmherzigkeit, damit ich lebe. Amen.

Lied 358:

Es kennt der Herr die Seinen

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