Das Wort bleibt nicht ohne Wirkung

Brücke
Foto: Bek-Baier

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

                     Jesaja 49,1.4-6

Am Stadtrand biegt das Auto links in eine breite Erdstraße mit vielen Löchern ein. Der Fahrer, Emilio Aslla, Kirchenpräsident der Evangelisch-Lutherischen Kirche Boliviens, kennt sich aus und wir kommen an der Kirche Getsemani durchgeschüttelt an. Einfache kleine Häuschen stehen verstreut am Straßenrand.

"Warum befindet sich die Kirche gerade hier in einer solch benachteiligten Region?", frage ich den Kirchenpräsidenten. Nach einer Pause kommt die Antwort: "Manchmal stellen wir uns genau diese Frage. Es sind auch Kinder und Jugendliche, die hier teilnehmen. Es herrscht eine hohe Mobilität, und wir können nur einen kleinen Beitrag leisten." Aus der Äußerung höre ich seine Enttäuschung heraus. "Vielleicht ist die Arbeit an diesem Ort vergeblich", meint er abschließend. Es ist ein Außenbezirk der Millionenstadt La Paz, an dem die Migrantinnen und Migranten aus dem Inneren des Landes Boliviens ankommen und versuchen, ihr Leben aufzubauen. Was kann eine Minderheitskirche mit geringen Mitteln wie die Evangelisch-Lutherische Kirche Boliviens, die fast ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeitende hat, schon gegen diese gewaltigen Umbrüche, die die Menschen erleben, ausrichten? Verständlich, dass der Kirchenpräsident manchmal frustriert ist.

In der Getsemani-Kirche angekommen sehe ich mit Erstaunen neben dem Altar Matratzen, Küchengeschirr, Kochplatten, Töpfe und eine Schüssel mit Hygieneartikeln. Etwas befremdlich wirkt dieser Anblick. Auch ist es nicht einfach dem Gottesdienst zu folgen, da neben spanisch auch in den indigenen Sprachen gesungen wird und die biblischen Texte gelesen werden.

Bei den Abkündigungen erlebe ich in einem ergreifenden Moment die Auflösung des befremdlichen Anblicks. Bei einer Familie hat es eine Gasexplosion gegeben. Mutter, Kind und Vater liegen in verschiedenen Krankenhäusern. Sowohl die Einrichtung als auch das kleine Häuschen ist zerstört. Für die Gemeinde war es ein Anlass, Geld zu sammeln, um der Familie mit dem Allernötigsten, was nun aufgestapelt im Kirchenraum steht, zu helfen. Die Großmutter der betroffenen Familie bedankt sich weinend bei der Gemeinde.

"Darin sehen wir unsere Aufgaben, die verstreuten Menschen zu sammeln und ihnen Hoffnung zu geben", kommentiert der Kirchenpräsident das Geschehen. "Den entwurzelten Menschen wird das Evangelium verkündet, und ich bin selbst ganz überrascht, dass die Gemeinde so lebendig und mit ihren geringen Mitteln diakonisch tätig ist", ergänzt er nun strahlend.

In diesem Augenblick wird mir klar, dass die Verkündigung und die Arbeit der Kirche auf den ersten Blick vergeblich erscheinen mögen, aber das Wort, so konnte ich es erleben, bleibt nicht ohne Wirkung und schenkt Hoffnung. 

            Pfarrer i. R. Hans Zeller,

            früherer Lateinamerikareferent der Landeskirche