"Gott sorgt dafür, dass alles klappt"

Inge Braun
Inge Braun lädt in Ansbach zu einem gemeinsamen Weihnachtsessen am Heilgabend ein. Foto: Borée

Seit 20 Jahren gibt es in Ansbach ein offenes Christfest als "Brücke zum Nächsten"

Niemand ist mehr auf der Straße unterwegs - doch viele Fens­ter sind erleuchtet. Ein Auto irrt suchend umher: Der Fahrer will noch eine Seniorin abholen, die sich auch für die Feier am Heiligabend bei der "Brücke zum Nächsten" angemeldet hat. Immer mehr Lichtergirlanden und Kerzen an den Weihnachtsbäumen werfen ihren sanften Schein durch die Vorhänge.

Da endlich sieht er die Gestalt. Ganz aufgeregt wartet die Seniorin - befürchtete sie doch schon das Schlimmste: diesen Festabend alleine verbringen zu müssen. Doch der Helfer, der den Fahrdienst übernommen hatte, gab nicht auf. Endlich hatte er selbst diese letzte Adresse gefunden. Nun brachte auch er seine Gäste in das festlich geschmückte Evangelische Gemeindehaus an der Triesdorfer Straße in Ansbach.

Seit genau 20 Jahren gibt es diese "Brücke zum Nächsten" am Heiligabend. Seit den Anfängen hilft Inge Braun mit und ist in diese Aufgabe "langsam hineingewachsen". Seit vier Jahren hat die Leiterin einer Sozialstation die Aufgabe übernommen, die Christfeier zu organisieren und zu koordinieren.

Wer wird an diesem Heiligabend kommen? Mit rund 120 Gästen rechnet Inge Braun auch in diesem Jahr. Das jedenfalls sind Erfahrungswerte aus den vergangenen Jahren. Genaueres wird sie erst am 24. Dezember wissen - und zwar um genau 18 Uhr. Dann werden sich die Türen zum großen Saal im Gemeindehaus öffnen. Die Bescherung für alle, die den Heiligabend nicht alleine feiern möchten, beginnt.

All das wird ehrenamtlich organisiert. Inge Braun sammelt dazu jeden Herbst neu ein Team um sich. Getragen wird dieses Weihnachtsfest von der Evangelischen Allianz Ansbach und dem Evangelischen Gemeindediakonieverein der Stadt. Die Helfer setzen sich aber wie die Gäste aus ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zusammen.

Natürlich kommen einige Mitglieder des Teams - wie Inge Braun selbst - immer wieder. Daneben gibt es aber auch Menschen, die punktuell ihr Scherflein zum Gelingen des Festes beitragen. Sie backen einen Kuchen oder bereiten einen Salat vor. Oder sie übernehmen zwischen Bescherung und Feuerzangenbowle in ihrer eigenen Familie eine Tour beim Fahrdienst. "Allerdings können wir nur Menschen im Stadtgebiet Ansbach abholen", erklärt Inge Braun mit Bedauern in der Stimme. "Mehr Möglichkeiten haben wir leider nicht."

In diesem Jahr könnte Inge Braun zusammen mit ihrer Mitstreiterin Ruth Banna und ihrem Team noch weiteren Beistand gut gebrauchen. Sie ist aber zuversichtlich: "Manche Anrufer bieten auch noch am 23. Dezember ihre Mitarbeit an." Dann schaut die Leiterin einer Sozialstation, die schon aus ihrem Beruf Erfahrungen mit flexiblem Organisieren hat, wie sie diese Hilfe wirkungsvoll integrieren kann.

Und die Helfer sind bis zuletzt offen für alle, die den Heiligabend in Gemeinschaft feiern wollen - auch wenn das Team um Inge Braun in ihrer Einladung um Rückmeldung bittet, wenn man kommen will, "um die Planung und Vorbereitung zu erleichtern". Schließlich organisieren sie ein reichhaltiges Büffet mit Salaten, Käse-, Fisch- und Wurstplatten, Weihnachtsgebäck, und noch vieles mehr. Auch für eine warme Suppe ist gesorgt. Eine Helferin bringt sie in einer Milchkanne von zu Hause mit. Andere bereiten die Klößchen zu, die dort hineingehören. Würstchen soll es ebenfalls geben ­- und zwar auch aus Putenfleisch.

Denn vergangenes Jahr kam sogar eine muslimische Familie zu der Feier. Auch Durchreisende stapelten schon einmal ihre Koffer in dem Flur, während sie mitfeierten. Sie hatten Probleme mit ihrer Zugverbindung, so dass sie rechtzeitig zum Christfest ihren Bestimmungsort nicht mehr erreichen konnten.

Zur Weihnachtsfeier kommen immer mehr Familien oder alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Einige Helfer sind darauf vorbereitet, mit den Kindern zu basteln und zu spielen. Denn an diesem Abend wollen sie nicht nur für das leibliche Wohl ihrer Gäste sorgen: Auf dem Programm stehen Lieder mit Klavierbegleitung, die Weihnachtsgeschichte und kleine Geschenke für alle.

Das Team um Inge Braun bereitet den Gemeindesaal am 23. Dezember abends vor. Es sei schon allein wunderbar, wie nach zwei oder drei Stunden der nüchterne Gemeindesaal mit Kerzen und Tannenzweigen verwandelt wirke. Am Heiligabend werden dann die Speisen ab 14 Uhr angenommen. "Gott sorgt dafür, dass alles klappt", ist sich Inge Braun sicher. "Es ist für uns jedes Jahr neu etwas ganz Besonderes, dass alles reicht und immer wieder genug Menschen daran mithelfen."

Auch die Seniorin, die so sehr auf ihren Fahrdienst gewartet hat, ist wieder sicher zu Hause angekommen. Und um Mitternacht ist alles vorbei. Dann ruhen die letzten helfenden Hände, der Gemeindesaal ist aufgeräumt wie vor der Weihnachtsfeier. Und er wartet auf das Christfest des nächsten Jahres.

Susanne Borée

 

Informationen zu offenen Christfeiern

 

Weiteres über die Ansbacher Feier und Kontakt bei Inge Braun, Telefon 0981/87711. Selbst am Heiligabend ist es ab 14 Uhr noch möglich, nach einer Fahrmöglichkeit unter der Telefon-Nr. 0981/2304 zu fragen.

 

Auch Einrichtungen in anderen bayerischen Orten laden zu offenen Feiern am Heiligabend ein. Darunter gibt es folgende Termine:

 

Die Stadtmission Nürnberg feiert um 14 Uhr am Heiligabend in der Mittelhalle des Nürnberger Hauptbahnhofes einen Gottesdienst mit den Pfarrern Claus Petersen und Kuno Haug. Um 15 Uhr gibt es dann „Weihnachten für alle“ im eckstein, Burgstraße 1-3 oder im Großen Saal der Jakobskirche oder im „Caritas-Pirckheimer-Haus“, Königstraße 64. Keine Anmeldung erforderlich. Unterstützung nimmt Alexandra Völkl unter Telefon 0911/2346-121 werktags 8.30-12.30 Uhr oder per E-Mail: voelkl@cph-nuernberg.de gerne an. Die Wärmestube ist am 25. und 26. Dezember zu den üblichen Zeiten geöffnet.

 

In Würzburg organisiert das der CVJM. Dort ist aber eine rechtzeitige Anmeldung unter Telefon 0931/ 30419274 oder am Wilhelm-Schwinn-Platz 2 notwendig.

 

Die Bahnhofsmission München wird auch an den Weihnachtsfeiertagen rund um die Uhr geöffnet sein. Am Heiligabend findet am Hauptbahnhof um 15.30 Uhr ein Wortgottesdienst mit dem katholischen Regionalpfarrer Bischof in den Räumen der Bahnhofsmission, Gleis 11, statt.