Ein Liebeslied mit Tiefgang

Brücke
Foto: Bek-Baier

Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.  

                      (aus Jesaja 5, 1-7)

Es ist dunkel geworden. Wie an jedem Abend unserer Freizeit sitzen wir zusammen und feiern Andacht. Wir, das sind über 80 Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Kirchengemeinden. Wir beten, wir hören auf das, was Gott uns sagen will. Und wir singen. Viel.

Im Singen kommen wir Gott nah, lernen ihn besser kennen. Wir hören, dass wir wertvoll sind, vorbehaltlos angenommen und geliebt von unserem Vater im Himmel. Ein Liebeslied im besten Sinn des Wortes. Bei vielen bewirkt dieses Liebeslied von Gott ihr eigenes Liebeslied für Gott.

Auch der Prophet Jesaja stimmt ein Liebeslied an. Vielleicht trägt er es auf einem öffentlichen Platz vor, vielleicht auf einem Fest. Auf jeden Fall vor vielen Zuhörern. Er singt vom Weinberg seines Freundes. Das Lied erzählt von der Liebe, vom Herzblut mit dem dieser Weinberg gehegt und gepflegt wird. Mit so viel liebevoller Zuwendung kann er eigentlich nur gute Frucht bringen, sollte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Er bringt schlechte Frucht. Das Liebeslied schlägt um in eine Anklage, ja ein Gerichtsurteil über die Zuhörenden.

Liebeslied und Gerichtsurteil, das ist mehr als nur ein Stilbruch. Liebe und Gericht, wie soll das zusammengehen? Eine verstörende Situation für das Publikum des Propheten. Eine knackige Herausforderung für die Jugendlichen unserer Freizeit, die sich die Köpfe heiß diskutieren. Kein Wunder. Viele Menschen erschrecken über die Reaktion des Weinbergbesitzers, der den Weinberg letztlich nicht mehr hegt und pflegt, sondern sich selbst überlässt. Sogar den schützenden Zaun reißt er ab, damit der Weinberg verwüstet werden kann. Längst ist klar, dass Besitzer und Weinberg Bilder für Gott und seine Menschen sind, denen er sich ursprünglich so liebevoll zugewandt hatte. Jetzt spüren sie seinen Zorn.

Kann Gott wirklich so sein? Ist diese bedrohliche Reaktion nicht völlig unvereinbar mit seiner alle und alles umfassenden Liebe?

Das wäre freilich die einfachste Lösung für alle, die Jesajas Lied zuhören - egal ob damals oder heute. Denn dann könnten sie einfach weitermachen wie bisher und bräuchten sich ihrer Schuld und ihrer Verantwortung nicht zu stellen. Doch so einfach ist es nicht. Unvereinbar mit Gottes Liebe wäre nur seine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid, das Menschen anderen zufügen. Gott kann gar nicht anders als sich dieser Menschen anzunehmen und sie ins Recht zu setzen!

Gott will Gerechtigkeit und nicht Schlechtigkeit. Er will Rechtsspruch, nicht Rechtsbruch. Das wird aber nur funktionieren, wenn er Recht und Gerechtigkeit auch für alle durchsetzt. Wenn wir Christen vom Gericht Gottes sprechen, dann geht es genau darum. Das Wort Gericht markiert die Spannung unseres Glaubens. Einerseits hat Gott das Gericht am Kreuz für uns schon auf sich genommen. Die Angst vor der Verdammnis braucht uns deshalb nicht zu quälen, Gott sei Dank! Andererseits erwartet uns alle noch das Gericht, in dem er unsere Sünde richtet und damit die Leidenden auf-richtet. Nur so bleibt das Evangelium ein Liebeslied mit Tiefgang.      

              Pfarrer Johannes Meisinger, Veitsbronn