Schwachsein ist erlaubt

Brücke
Foto: Bek-Baier

Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.       

                      (aus 1. Kor 2, 1-7)

Vor vierzehn Tagen hat ein neues Jahr begonnen, zumindest in unserem Kulturkreis. Die Frage ist, haben wir uns auch diesmal wieder viel vorgenommen, die Zukunft anders zu gestalten? Bei so einem Jahreswechsel werden manche in Gedanken zu neuen Menschen. Es spricht nichts dagegen, wenn man sich überlegt, dieses oder jenes in seinem Leben neu  anzupacken. Doch warum ­wollen wir dies überhaupt? Was ist das Ziel, welches dahinter steckt? Möchten wir den Menschen in ­unserer Umgebung oder uns selber beweisen, dass man sich auch ­verändern kann? Oder müssen wir etwa so werden, wie es eine funktionierende Gesellschaft von uns erwartet? Das klingt nach Leistung und nach einem Vollkommenheitsideal.                                 

Sein zu dürfen, wie man ist, auch mal schwach und unsicher, verlegen und nichtwissend, das darf man nicht denken als möglichen Änderungswunsch für ein neues Jahr. Paulus spricht uns Mut zu, im Leben auch schwach sein zu dürfen. Wir müssen vor Gott nicht beweisen, wie stark wir  sind, sondern mit unserer Unvollkommenheit treten wir vor ihn, und genauso dürfen wir dies auch vor Menschen - nur unser Denken sagt uns, wir dürfen dies nicht. Uns bestimmt häufig die Vorstellung, möglichst alles erklären zu müssen, Fragen so zu beantworten, dass sie keinen Widerspruch dulden, Sachverhalte zu beweisen, um unbedingt richtig zu liegen. Ich denke, wir dürfen in der Begegnung mit Menschen argumentieren und diskutieren, aber die Frage ist, tun wir dies für uns, unsere Eitelkeit oder unser Besserwissertum?

Paulus versucht in 1. Korinther 2 zu verdeutlichen, dass der Glaube nicht durch vernünftige Worte seine Nahrung findet, sondern allein durch die Kraft des Geistes. Durch ihn tauchen wir Christen ein in das Geheimnis Gottes, welches durch Jesus Christus ein  menschliches Gesicht bekam. Und wenn ich mich umschaue auf dieser Erde, dann begegnet mir dieses Gesicht Christi in so vielen Menschen, die rufen und schreien, die hungern und dürsten, die verzweifeln und ohne Hoffnung sind.

Das ist Jesus, der Gekreuzigte, den ich da wahrnehme. Das ist die Weisheit Gottes, die sich jedem von uns in dem Menschen neben mir offenbart. "Wachet auf, ruft uns die Stimme", ein Lied im evangelischen Gesangbuch, lässt im ersten Moment nicht erahnen, was den Pfarrer Philipp Nicolai 1599 dazu veranlasste, diesen Liedtext zu schreiben.

In der Stadt Unna wütete die Pest. Die Leichenkarren rumpeln durch die Gassen. Sie sammeln die Toten ein, mehr als hundert  am Tag. Die elend gestorbenen Menschen werden begraben irgendwo in einem Massengrab. Philipp Nicolai, der Pfarrer dieser Elendsgemeinde stand an ihren Gräbern. Und dann sitzt er spät in der Nacht an seinem Schreibtisch in seinem bescheidenen Kämmerlein und hat den Predigttext aus 1. Kor 2,1-10 aufgeschlagen. Christus steht vor ihm, sein Bild, seine Botschaft. Die Botschaft des Kreuzes, des Lebens, vom Sieg Jesu über den Tod. Wider alle menschliche Vernunft, wider alle menschliche Weisheit ruft dieser Mann mitten im Dunkel der Nacht das Halleluja aus. Sollte das Geheimnis der Weisheit Gottes gerade in diesem Elend deutlich werden.    

              Hanns-Hinrich Sierck, Pfarrer und 

              Leiter des Spirituellen Zentrums St. Martin in München

Lied 147:

Wachet auf, ruft uns die Stimme

Gebet:

Ich verspüre, dass du Gott, das Geheimnis des Lebens bist, zart und zerbrechlich. Wie ein Korn verbirgt es sich in der Erde. Wartet in dir, in mir. Amen.

              

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