Flüchtlingsfriedhof Oksböl
Auf dem Flüchtlingsfriedhof Oksböl sind vorwiegend Kinder begraben. Foto: Bekbaier

"Kinder, Kinder, Kinder ..."

Fritz Debus, Hauptmann und Wehrmachtsgräberoffizier in Dänemark schrieb für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, für den er nach dem Krieg arbeitete, seine Erinnerungen an 1945 auf: "Die vor Anker liegenden Lazarettschiffe, die großen Kriegslazarette und die Notlazarette in Schulen und Turnhallen waren bis in die Gänge und Keller überfüllt. Die Ärzte taten ihr Möglichstes, um die Verwundeten zu retten, und alle Sorgfalt des überlasteten und übermüdeten Personals galt den Lebenden. Jedoch waren die Verluste um diese Zeit sehr hoch."

Die Aufgabe von Hauptmann Debus waren die Friedhöfe und Bestattungen. Dazu beschreibt er die unglaublichen Zustände, die wegen der anhaltenden Flucht über die Ostsee in Dänemark herrschten: "Die Transporte zum Friedhof von Kopenhagen häuften sich, Tote von Schiffen, die lange unterwegs waren, mussten sofort bestattet werden, um Epidemien in der Millionenstadt zu vermeiden. Nicht jeder trug seine Erkennungsmarke, so dass mancher als unbekannt begraben wurde." Man begann die Toten aus hygienischen Gründen vor allem zu kremieren.

Bei der Erdbestattung ging man aus Zeit- und Raummangel zum Reihengrab über. "Das Erschütterndste dieser chaotischen Zeit war"  der Anblick der toten Kinder, die in so über aus hoher Zahl den Seetransport auf überfüllten Schiffen infolge der Ernährungs- und Trinkwasserschwierigkeiten und der Aufregung der Luftangriffe nicht überstanden hatten. "Wer es nicht selbst miterlebt hat, kann sich von dem Ausmaß dieser Tragödie keinen Begriff machen", schildert der ansonsten so erfahrene Offizier seine Gefühle erschüttert.

"Die Toten", so erzählte es ein dänischer Polizeioffizier Hauptmann Debus, "mussten am Friedhofseingang in Kopenhagen in Reihen aufeinander gelegt werden. Von Stunde zu Stunde, von einem einlaufenden Schiff zum anderen, wuchs dieser Leichenberg. Schließlich war er so hoch wie das Eingangsgebäude. Soldaten mit blutigen, verschmutzten Verbänden, Greise und Frauen mit verkrampften Händen und Kinder, Kinder, Kinder. Die Erdarbeiter konnten nicht schnell genug die Gräber ausheben, und auch im Krematorium war man machtlos gegenüber dieser Flut des Todes."

Bis zum 5. Mai 1945 registrierten die dänischen Behörden insgesamt 6.780 deutsche Flüchtlings­tote, darunter 4.132 Kinder. In den darauffolgenden Wochen, bis 30. Juni 1945 betrug die Zahl der Flüchtlingstoten 4.362, unter ihnen 2.408 Kinder. Insgesamt wurden in Dänemark 17.209 deutsche Flüchtlinge begraben oder eingeäschert.

Nach der Kapitulation und dem Abzug der deutschen Soldaten aus Dänemark wurde die Versorgung der etwa 250.000 Flüchtlinge für das kleine Land zu einer schweren Last. In Internierungslagern bestimmten zunächst Hunger, Krankheit und das Gefühl von Ohnmacht den Alltag. Das größte der Lager entstand in Oksböl mit 36.000 Flüchtlingen. Der Kontakt zur Bevölkerung war den deutschen Flüchtlingen verboten. Hinter Stacheldraht und unter dänischer Bewachung sahen die leidgeprüften Menschen einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele kleine Kinder und alte Menschen, die durch die bisherigen Strapazen geschwächt waren, starben.

1947 demonstrieren in Oksböl 1.000 deutsche Frauen für ihre Rückkehr. Zu dieser Zeit sind noch 76.000 Flüchtlinge in Dänemark. Doch die alliierten Behörden in Deutschland verzögerten die Rückführung der Flüchtlinge. Der letzte Flüchtling wurde am 15. Februar 1949 entlassen, zu einem Zeitpunkt, als längst die meisten Soldaten aus Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurückgekehrt waren.
In Oksböl entstand der größte Flüchtlingsfriedhof Dänemarks. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert dorthin Grabpflegeaktionen durch Jugendliche.

Der Flüchtlingsfriedhof ist mit einem Steinwall eingegrenzt. In einem kleinen Häuschen am Rande der Grabreihen sind auch Originalaufnahmen als Zeugnisse dieser Zeit zu sehen, von dem einige der in diesem Artikel gezeigten Fotos stammen. Es wurden an zentraler Stelle Ginkgobäume gepflanzt. Der Ginkgobaum soll der erste Baum sein, der die Ruinen Hiroshimas wieder besiedelt hat. Außerdem gilt Ginkgoextrakt als Mittel gegen das Vergessen. Und als drittes Kriterium: Ein solcher Baum wächst sehr langsam. Der Ginkgobaum gilt daher als Symbol für den Frieden, der ebenfalls langsam wachsen muss.

Wer möchte, kann die Arbeit des Volksbundes mit einer Spende unterstützen:
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                      Martin Bek-Baier

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