Herzlich willkommen zur neuen Ausgabe des "Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern"

Evangelisches Sonntagsblatt vom 10.9.2017
Brücke

=> Andacht: ''Das kommt in der besten Familie vor''

''Soll ich denn meinen Beruf aufgeben und meine Mutter pflegen?'', fragte mich vor kurzem eine Frau. Ihre 80-jährige Mutter war pflegebedürftig geworden. Ins Heim wollten ihre Eltern nicht. Zudem wollte die Mutter keinen Pflegedienst, das könnte doch die Tochter übernehmen. Maria hatte wohl ähnliche Erwartungen an ihren Sohn Jesus: "Ich, Maria, werde immer älter, mein Sohn Jesus muss jetzt für mich sorgen. Stattdessen ist er als Wanderprediger unterwegs und hat zwölf Männer als neue Familie um sich versammelt. Ich muss ihn zur Vernunft bringen, 'er ist von Sinnen'. Eigentlich soll er doch 'Vater und Mutter ehren'. Da redet er immer von Nächstenliebe, soll er doch mal bei mir anfangen!" Da war richtig Zoff in der Heiligen Familie mit enttäuschten Erwartungen und dem Pochen auf vermeintliche Rechte.

(Markus 3, 31-35)

Susanne Borée

=> Überdruss an markigen Sprüchen

''Luther würde NPD wählen'', so belehrt mich nunmehr täglich ein Wahlplakat dieser Partei auf meinem Arbeitsweg. ''Er könnte nicht anders'', steht dort unter dem Porträt des Reformators. Wenigstens noch im Konjunktiv steht dieser Spruch. Schon seit 200 Jahren versuchen nationale Bewegungen die Reformation in Deutschland zu vereinnahmen. Martin Luther schien es ihnen leicht zu machen. Wenn die sächsischen Kurfürsten nicht schützend die Hand über ihn gehalten und ihn etwa auf die Wartburg ''entführt'' hätten, wäre er wohl bald nach dem Wormser Reichstag 1521 als Ketzer verbrannt worden. Hilfreich wäre es indes gewesen, wenn es viele markige Sprüche Martin Luthers nach 1523 nicht mehr gegeben hätte. ...

Schloss Hartenfels

=> Politische ''Amme der Reformation''

In Wittenberg sollte das Wissen herrschen - in Torgau die Macht. So hatte es Kurfürst Friedrich der Weise zu Beginn des 16. Jahrhunderts wohl geplant. Zwar hatte Friedrich auch in Wittenberg das Schloss ausgebaut. Das Zentrum der Stadt bildete die Universität, die Friedrich 1502 gründete und das Allerheiligenstift, in dem er seine Reliquiensammlung aufbewahren ließ. Doch Schloss Hartenfels in Torgau bauten der Kurfürst Friedrich, der Luther stützte und schützte, und seine Nachfolger zu einer besonders prachtvollen Residenz aus. "Wittenberg ist die Mutter, Torgau die Amme der Reformation", so hieß es schon bald. Hier trafen die Herrscher von Luthers Heimat Kursachsen in den ersten Jahrzehnten der Reformation entscheidende Weichenstellungen, ohne die sie wohl nicht überlebt hätte. ...