Philipp Melanchthon
Philipp Melanchthon

"Was ich dir übrigens noch erzählen wollte ..."

So hörte Timo auf einmal die vertraue Stimme wieder in seinem Kopf.

"Hach Gott - hast du mich erschreckt!", rief Timo auf. "Wo kommst du denn her? Hattest du dich nicht verabschiedet?"

"Zum einen", sagte Luther hoheitsvoll "Du sollst den Namen deines Herrn nicht missbrauchen! 2. Gebot! Zum anderen: Mir ist noch was eingefallen, worüber wir noch gar nicht gesprochen hatten. Und es ist mir ein Anliegen, dass du dich weiterbildest. Hintergrundwissen. Und außerdem dachte ich, dass es dich vielleicht interessieren könnte. Auch, mit wem ich zusammengearbeitet habe und wer Freund und Feind war."

"Bist du jetzt wie der Detektiv Columbo, der auch immer noch mal zurückkommt, weil er noch was vergessen hatte zu fragen?"

Die Oma von seinem Freund Thomas war ein regelrechter Fan des zerknautschten Detektivs mit dem zerknitterten Mantel und dem gemütlichen Basset-Hund.
"Ich kenne Columbo nicht. Noch nie gehört!"

"Komisch - ich dachte, ihr lernt euch in der Ewigkeit irgendwann mal kennen? Ach halt - der Schauspieler ist ja gestorben. Nicht Columbo. Also - wenn dir mal ein Peter Falk über den Weg läuft, sag ihm einen schönen Gruß. Ich kenne seinen größten Fan!"

"Pfft!", hörte er Luther ausschnauben. "Ich bin noch mal zurückgekommen, um dir von meinem Freund zu erzählen. Von Philipp Melanchthon."

Timo schaltete seinen Computer ein, wartete, bis er hochgefahren war und gab den Namen ein. "Mit zwei ,P‘? Ah - da ist er ja schon. Meine Güte. Der sieht aber mager aus. Das war dein Freund? Hatte er genug zu essen?", fragte Timo schelmisch.

Alles an dem Bildnis von Philipp Melanchthon war irgendwie spitz: Spitze Nase, spitzer Bart. Hohe Wangenknochen, die ihm einen leicht ausgemergelten Touch gaben. Und dann dieser Name.

"Melanchthon? Woher kommt denn dieser ungewöhnliche Name?"

"Melanchthon liebte die griechische Sprache sehr. So hat er seinen Namen geändert. Eigent­lich hießt er mal Schwartz­erdt", erklärte Luther.
Timo kicherte. "Melanchthon klingt eindeutig besser!"

"Jedenfalls - mager und spitz oder nicht: Melanchthon war ein schlauer Bursche. Der Vater Melanchthons, Georg Schwartzerdt, der eigentlich in Heidelberg geboren wurde, war ein Meister der Geschützgießerei sowie des Plattnerhandwerks. Das ist die Kunst möglichst leichte, aber dennoch feste Rüstungen zu schmieden. Aber das wirst du nicht wissen. Solche Waffen habe ich heutzutage nirgends gesehen. Aufgrund seiner Qualifikationen wurde der Vater in das Amt des kurfürstlichen Rüstmeisters erhoben und war somit an die Stadt Heidelberg gebunden. Melanchthons Mutter hingegen stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie.

Es war Melanchthons Großvater, der dafür sorgte, dass Philipp eine gründliche Ausbildung  - vor allem in der lateinischen Sprache - erhielt. Als Melanchthons Vater sowie sein Großvater starben, war für den Elfjährigen die Kindheit beendet."
"Oh!", entfuhr es Timo. Mit elf Jahren schon. Das war früh. Wenn er sich vorstellte, wie es gewesen wäre, ohne Papa aufzuwachsen. Nein. Das wollte und konnte er sich nicht vorstellen.

Luther räusperte sich und holte Luft: "1518 wurde Melanch­thon Professor für die griechische Sprache in Wittenberg. Ein Jahr hatte ich zuvor die Thesen veröffentlicht. Du erinnerst dich? Und dort lernten wir uns kennen. Ich muss ehrlich zugeben: Das war ein Kerl! Blitzgescheit. Aber so was von! Ich war sofort von den Qualitäten des jungen Professors beeindruckt. Und so kam eines zum anderen. Er wurde mein Mitarbeiter. Aber darüber hinaus verband uns mehr als nur freundschaftliche Kollegialität. Von mir - so sagte Melanch­thon immer - habe er das Evangelium gelernt. Er interessierte sich sehr für reformatorische Theologie und fing an, sich mit der Bibel zu beschäftigen.

Er war es, der mich dazu motivierte, die Bibel in ein für das Volk verständliches Deutsch zu übersetzen."

"Ach. Das ist ja interessant", warf Timo ein.

"Ja - ohne Melanchthon wäre es nie mit der Reformation so weit gekommen. Nie. Einer allein kann nichts bewirken. Das ist heute nicht anders, oder? Es braucht immer Mitstreiter, Gönner und Menschen, die einen weitertreiben. Ich hab das Neue Testament dann ja auf der Wartburg übersetzt und als ich wieder in Wittenberg zurück war, hat Melanchthon in vielen Stunden mühsamer Arbeit noch weiter daran gearbeitet und gefeilt. Quasi stand ich für den Grund- und er für den Feinschliff. 

"Du für das Grobe, er für das Feine?" => weiter