Überraschende Wege zum neuen Glauben

Wege
Foto: Birklein

Greifswalder Studie befragte systematisch Erwachsene nach den Gründen der Konversion

Mission, Bekehrung, Lebenswende - Begriffe gibt es viele. Aber wie kommt es zu Veränderungen, zur Zuwendung zum christlichen Glauben? Jetzt haben Theologen in Greifswald die erste wissenschaftliche Analyse vorgestellt - und waren überrascht.

Plötzlich fromm geworden? So und ähnlich wurde sie gefragt. Dabei hatte sie lediglich die Probe eines Kirchenchors zum ersten Mal besucht. Vielleicht ist es ihr dabei so ergangen wie jener Frau von der Johannes Zimmermann berichtet: "Ich nahm aufgrund meiner neuen Chormitgliedschaft am Gottesdienst teil und weinte fast die ganze Zeit, ich war berührt und gleichzeitig getröstet. In meinem Gesangbuch las ich von Sören Kierkegaard: 'Keiner verirrt sich soweit weg, dass er nicht zurückfinden kann zu dir, der du nicht bloß bist wie eine Quelle, die sich finden lässt. Du, der wie eine Quelle ist, die selber den Dürstenden sucht.'"

Zimmermann ist Pfarrer und Privatdozent an der Universität Greifswald. Er hat mit anderen unter Leitung von Professor Michael Herbst in Deutschland darüber geforscht, wie Erwachsene Zugang zum christlichen Glauben finden.

Jetzt liegt das Ergebnis dieser Studie vor. Ausgewertet wurden umfangreiche Fragebögen von 539 Menschen aus Sachsen, Württemberg, der Lausitz, dem Rheinland und in Mecklenburg. Die Theologen und Soziologen vom "Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung" fragten: Wie finden Erwachsene zum Glauben?

Für Johannes Zimmermann ist dies das erste überraschende Ergebnis: Konversionen ereignen sich nicht in erster Linie in Gruppen am Rande des christlichen Spektrums, sondern mitten in der Volkskirche. Es sind auch nicht Menschen in extremen Lebenssituationen, sondern häufig jene, die von sich sagen, in der Mitte der Gesellschaft zu leben und soziologisch zur bürgerlichen Mitte zu gehören. Zwischen 36 und 50 Jahre alt ist die größte Gruppe derer, die eine Veränderung erlebten, die Hälfte hat Abitur, zwei Drittel sind erwerbstätig. Drei Typen haben die Greifswalder Forscher unter denen ausgemacht:

Da sind jene, die Vergewisserung ihres Glaubens gesucht und gefunden haben. Sie waren auch zuvor schon Besucher kirchlicher Veranstaltungen und von Gottesdiensten. Sie bilden etwa ein Drittel der Befragten. Daneben stehen jene, die zwar Kirchenmitglieder sind, aber zu den Aktivitäten von Kirchengemeinden eigentlich kein Verhältnis hatten. Sie nennt die Studie "Entdecker". Sie machen über 40 Prozent der Befragten aus. Der dritte Typ, das sind jene, die bei oder nach einem einschneidenden Ereignis Zugang zu Kirche und Glauben finden. Häufig sind es Menschen, die konfessionslos sind und keine irgendwie christliche Erziehung genossen haben. Sie nennt die Studie: Lebenswender. Sie machen fast ein Viertel der Befragten aus.

Fast immer, sagen die Forscher, lässt sich Konversion als ein Prozess beobachten und beschreiben. Auf diese Entwicklung nehmen die gesellschaftliche, familiäre und religiöse Umgebung, in der ein Mensch lebt, ebenso Einfluss wie Erlebnisse und Fragen, die in diesen Zusammenhängen Menschen beschäftigen. Einer ersten Begegnung folgen Phasen wachsender Nähe zu der Person, es können persönliche Beziehungen wachsen, freilich kann auch bei Enttäuschungen Distanz zunehmen. Aber überraschend ist auch: Traditionelle Gottesdienste sind für 80 Prozent der Befragten bedeutsame Veranstaltungen auf ihrem Weg der Veränderung.

Die Studie macht auch deutlich: Dass Menschen vom Wort Gottes lebensverändernd berührt werden, das ist nicht machbar. Aber Kirchen und ihre Gemeinden können eine Infrastruktur bereitstellen. Sie müssen aber wissen, dass Kirchen, die nur durch Strukturen zusammengehalten werden, keinen Bestand haben. Das Fazit: Veranstaltungen sind nützlich, "wenn sie Menschen erreichen", weniger nützlich, wenn sie angeboten werden, "um Menschen zu erreichen".

M. Ernst Wahl