Ruhepol für heimatlose Wanderinnen

Karla 51
Eine Frau bezieht ihr Zimmer im Frauenobdach "Karla 51". Foto: "Karla 51"

In der Münchner Obdachloseneinrichtung "Karla 51" erhalten Frauen eine neue Chance

Die Frau mittleren Alters - so um die 50 wird sie sein - traf mitten in der Nacht auf die Münchner Streetworker. Die Sozialarbeiter wollten nur im Bahnhofsviertel nach dem Rechten sehen. Auf diese Begegnung waren sie so gar nicht gefasst. Noch mehr erstaunte es sie, dass diese Frau - nennen wir sie Kathrin - schon seit gut drei Monaten rastlos im und am Hauptbahnhof umherwanderte. Jetzt endlich kam sie auf die Streetworker zu.

Nur wenige Gehminuten sind es vom Hauptbahnhof zum Frauenobdach "Karla 51" in der Karlsstraße. Dort konnte sich Kathrin zunächst einmal richtig ausschlafen. Dieses in Deutschland einzigartige Projekt des Evangelischen Hilfswerks München kümmert sich um Frauen, die auf der Straße leben oder von drohender Wohnungslosigkeit betroffen sind. Sie fallen in aller Regel viel weniger auf als Männer. Denn sie versuchen viel stärker, noch einen Anschein an Normalität zu wahren. So erscheinen ihre Kleider weniger verwahrlost und ihre Haare möglichst immer noch gekämmt. Trotzdem wächst ihre Zahl.

In Notfällen wie bei Kathrin gibt es noch einen "Frauenschutzraum" mit vier Betten. Denn "auch immer mehr Frauen aus der Mittelschicht stehen plötzlich auf der Straße", betont die Sozialpädagogin und stellvertretende Leiterin Antje Eberbeck.

Die 40 kleinen Zimmer in "Karla 51" reichen kaum. Sechs Sozialpädagoginnen und viele ehren- und nebenamtliche Betreuungskräfte, meist für Nachtwachen oder Wochenenddienste, gehören zum Team unter der Leitung von Isabel Schmidhuber. Die Einrichtung ist für Männer tabu.

Im Hof werden gespendete Lebensmittel verteilt. Im Keller läuft die Waschmaschine. Die Frauen können hier auch kostenlos ihre Wäsche waschen oder duschen. Das Herzstück des Hauses ist die Pforte. Dort hat eine Videokamera immer die Haustür im Blick.

Dienstags und donnerstags geht es allerdings hoch her. Dann bietet das Café im Erdgeschoss jeweils ein warmes Mittagessen an. Alle Tische sind voll belegt. Auch der fünfjährige Simon tobt zwischen den Stühlen umher. Für ihn war es kein Problem, an der Pforte vorbeizukommen. Zusammen mit seiner Mutter Elke ist er heute zu Besuch hier. Denn nun leben sie in einer eigenen kleinen Wohnung in der Nähe.

Kathrin hatte ebenfalls einmal eine geräumige Wohnung gehabt. Der Tod ihres Ehemannes hatte sie dermaßen aus der Bahn geworfen, dass sie plötzlich alles hinter sich gelassen hatte. Nach der Nacht im "Frauenschutzraum" bezog sie erst einmal ein eigenes kleines Zimmer im Frauenobdach. In den kommenden Wochen kümmerten sich die Sozialpädagoginnen von "Karla 51" darum, erst einmal das Chaos in Kathrins Leben zu sichten und wieder zu ordnen. Die rastlose Wanderin kam zur Ruhe.

Während eines intensiven Beratungsgespräches stellte sich heraus, dass Kathrin gar nicht aus Bayern stammte. In Düsseldorf hatte sie sich einfach in einen Zug gesetzt, der in München Endstation hatte und nicht mehr zurückgeblickt. Warum hatte sie auf den Tod ihres Mannes dermaßen geschockt reagiert? Was war mit ihrer Düsseldorfer Wohnung, ihrem persönlichen Besitz geschehen, nachdem sie sich dort drei Monate nicht mehr hatte blicken lassen?

In "Karla 51" traf Kathrin neben Elke auf Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen, die sich ansonsten wohl nie begegnet wären. Da war auch die junge Auszubildende im Einzelhandel, die aus dem strukturschwachen sächsischen Erzgebirge stammt - nennen wir sie Heike. Sie zog extra wegen ihrer Lehrstelle nach München. Da sie mit ihrem Ausbildungsgehalt keine bezahlbare, wenn auch noch so kleine Wohnung in München fand, schlüpfte sie bei der Schwester einer ehemaligen Schulfreundin unter. Doch das Zusammenwohnen wurde zunehmend schwieriger; nach einem Streit flog Heike aus der Wohnung heraus.

Und da ist die Afrikanerin, der wir den Namen Maria geben wollen. Nachdem sie ihre erste Nacht in München bei einer Zufallsbekanntschaft verbracht hatte, kam sie zusammen mit ihrem acht Monate alten Baby in die Karlsstraße. Schnell wurde sie in ein Frauenhaus weitervermittelt. Denn die Mitarbeiterinnen in "Karla 51" hatten Sorge, dass ihr Partner sie suchen und danach massiv bedrohen könnte.

Die meisten der Frauen bleiben bis zu acht Wochen im Frauenobdach. Während dieser Zeit versuchen die Sozialarbeiterinnen ihre Geschichten zu entwirren und ihnen Hilfestellung für einen Neuanfang zu geben. "Kein Arbeitstag und kein Schicksal ist gleich", so beschreibt Antje Eberbeck ihren Alltag. Manchmal ist es auch notwendig, dass die Frauen länger bleiben müssen.

  Etwa bei einer Wohnungslosen, die so lange auf der Straße gelebt hatte, dass sie nur noch im Sitzen schlafen und sich dabei nicht mehr richtig ausstrecken konnte. Sie konnte gar nicht mehr entspannt ruhen. Eine ungeheure Anstrengung bedeutet es gerade für Frauen, nirgendwo mehr zu Hause zu sein. Denn für sie ist es nachts draußen natürlich um vieles gefährlicher als für Männer. So kommen sie nicht nur in der kalten Jahreszeit, sondern brauchen ganzjährig eine Anlaufstelle, die als Ruhepol dient.

Besonders wichtig ist es außerdem, zunächst ein gewisses Vertrauensverhältnis zu den Frauen aufzubauen. Datenschutz und Schweigepflicht sind natürlich gewährleistet. Einige Frauen seien so misstrauisch oder vom Leben enttäuscht, dass sie sich weigern, überhaupt noch irgendetwas zu unterschreiben. "Karla 51" braucht aber zumindest ein unterschriebenes Aufnahmeformular. "Und manche Frauen überreichen uns einfach eine prall gefüllte Plastiktüte, in die sie alle ihre Unterlagen und offiziellen Anschreiben ungeordnet gestopft haben. Sie haben schon längst den Überblick verloren", erklärt Antje Eberbeck.

Dank "Karla 51" hat sich auch Elkes Leben inzwischen einigermaßen geordnet. Sie nimmt jetzt an der Qualifizierungsmaßnahme "Karla Start" teil, während Simon in einem nahe gelegenen Kindergarten betreut wird. In den vorangegangenen Jahren gelang es, fast zwei Drittel der Frauen nach dieser Berufsqualifizierung, die mit einer nach den Richtlinien der IHK ausgelegten Prüfung abgeschlossen wird, eine Arbeit zu vermitteln. Inzwischen ist Elke auf dem PC schon richtig fit. So kann sie nachholen, was sie versäumte, als sie ihre Ausbildung wegen einer Tablettensucht abbrechen musste.

Susanne Borée