Hetzbrief
Timo konnte vor seinem inneren Auge die Drohbriefe an Hannas Familie sehen. Es erschreckte ihn sehr.

Und was meint Luther dazu?

War das zu fassen? Judenfeindlichkeit? Immer noch ein Thema? Auch in seinem Land? 70 Jahre, nachdem so viele Juden in KZ umgekommen waren? Das hatte er noch nie direkt mitbekommen. Wenn überhaupt nur immer am Rande. In Halbsätzen. Oder wenn sich seine Eltern darüber unterhielten. Hier saß jemand vor ihm, der es erlebte und ihre Schlüsse daraus zog.

"Mein Vater selbst ist nicht sonderlich religiös. Wie so viele Menschen. Man ist jüdisch, muslimisch, katholisch oder evangelisch. Manche glauben daran. Andere nicht. Wir leben nicht religiös. Aber dennoch wissen viele, dass mein Vater Jude ist. Manchmal bekommen wir schlimme Post. 'Wir sollten uns bereitmachen, die nächsten Gaskammern würde schon für uns aufgerüstet werden.'"

Timo bleibt da sein Eis fast im Hals stecken. Er war erschüttert. "Aber die kennen euch doch gar nicht, oder?"

"Natürlich kennen sie uns nicht. Aber seit wann muss man denn jemanden kennen, um ihm sehr böse Briefe zu schreiben?"

Hanna versteckte sich hinter ihren Haaren und Timo schwieg. Seine Mutter berichtete ihm hin und wieder von Hasskommentaren - vor allem in Internet. Aber auch das war etwas anderes, etwas erzähl zu bekommen, als tatsächlich vor einem zu sitzen, der das erlebt hatte. All das, was man immer so hört oder liest wurde mit Hannas Geschichten Wirklichkeit und sehr nah. Das erschreckte Timo über alle Maßen. Wieder zuhause hatte er jede Menge Stoff, den er bedenken wollte.

Netterweise war seine Familie nicht da. Sie machten eine Abendrunde um den "Block" -einen Spaziergang durch die Nachbarschaft.

Luther meldete sich: "Na, mein Junge! Wie war dein Eisessen!"

"Ganz schön!"

"Ich kann direkt mitfühlen, wenn du so ausführlich erzählst!", sagte Luther spöttisch.

"Du wohnst doch in der Ewigkeit und kannst überall herumkommen. Warst du nicht dabei?"

"Nein. Ich hab ja noch andere Dinge zu tun!"

Timo holte gerade Luft um zu fragen, was das wohl für 'Dinge' wären, überlegte es sich aber anders. Er wollte recherchieren. Er fuhr seinen Computer hoch. Er gab Holocaust ein. Und Theresienstadt. Und Juden.

"Juden?", fragte Luther gedehnt? "Was hast du denn mit Juden zu schaffen?"

"Hanna hat Juden in der Familie."

"Ach!"

Timo las sich mit klopfendem Herzen fest. Es war grauenhaft, was er da lesen musste. Die Hetzen im Dritten Reich. Der Umgang mit ihnen, die doch auch Menschen gewesen waren. Und dann stieß er auf eine Meldung, die ihm schier den Atem raubte: "Martin Luther über die Juden - Weg mit ihnen!"

"Der thüringische Landesbischof Martin Sasse betrieb mit seiner Publikation übelste NS-Propaganda. Im Vorwort war zu lesen: "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volke wird zur Sühne für die Ermordung des Gesandtschaftsrates vom Rath durch Judenhand die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiete im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. ... In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden, der Warner seines Volkes wider die Juden. ..."

"Igitt!", entfuhr es Timo. "Du? Das ist ja widerlich!" Seine Gedanken sprangen hin und her. Luther, der schon fast sein Idol geworden war mit all seinen klugen Sätzen und seiner aufrechten Haltung? 

Luther - ein Judenfeind? Konnte das sein? => weiter