Serie: Frischer Wind, Teil 24

Rittergottesdienst
Rittergottesdienst mit Heiligem Georg und Drachen (rechts) Foto: Bek-Baier

Mit einem guten Rezept kocht sich der Gottesdienst leicht und schmackhaft

Gottesdienste sind langweilig. Gottesdienste sind nur etwas für alte Leute. Gottesdienste sind weltfremd. Vorurteile, die gerade bei jungen, aber auch bei Menschen durch alle Altersschichten hindurch vorhanden sind. Was für einen gewohnte Heimat ist, die Liturgie, ist für den anderen eintönig und nichtssagend. Warum also nicht einmal im Gottesdienst Fische fangen, oder die Predigt kochen, mit Topf und Flamme und hinterher gemeinsam aufessen? Meine Erfahrung ist, wenn man hin und wieder einen Gottesdienst anders gestaltet, sind die allermeisten Gottesdienstbesucher angetan und begeistert. Ich bin mir bewusst: Was ich hier beschreibe, ist für den einen unvorstellbar und "hat mit Gottesdienst nichts zu tun". Für den anderen ist es "ein alter Hut" und in der Praxis bewährt. Da gibt es viele Formen und Namen: Thomasmesse, GolF (Gottesdienst in lockerer offener Form) oder Giraffe.

Es begann für mich vor 20 Jahren mit einem "verspielten" Jugendgottesdienst. Die Kirche wurde durch ein Labyrinth betreten. Der Kirchenraum mit bunten Plakaten und anderem Zierwerk als Spielplan geschmückt. Überraschungen waren eingebaut, wie Murmeln im Klingelbeutel zum Mitnehmen: "Die Kirche schenkt dir etwas!" Die positive Resonanz war gewaltig. Endlich einmal kein langweiliger "Jugendgottesdienst"! "Endlich einmal ein unkonventioneller und abwechslungsreicher Gottesdienst! Die Predigt wirklich kurz und leicht verständlich! Ein Gottesdienst, der Spaß macht!"

Fußballhymne als Gotteslob

So ein besonderes Gottesdienstelement oder eine besondere Form sollte sich natürlich an denen orientieren, für die der Gottesdienst gedacht ist. Man muss behutsam sein. Niemanden überrumpeln.

Die Konfirmanden eines Jahrgangs interessierten sich mehr für Fußball, als für Kirche. Also hat die Band für den Konfirmationsgottesdienst die Fußballhymnen der einschlägigen Vereine gesungen. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Name des Vereins durch "Gott" ersetzt wird: Also singt man nicht "unser Club", sondern "unser Gott". Und schwupp, schon hat man ein Kirchenlied. Die Konfirmanden waren begeistert. Und sie sangen zum ersten Mal vollmundig mit.

Nicht nur für Jugendliche

Wenn die Resonanz bei der Jugend so groß ist, nur weil die Form kreativ verändert wurde, dann müsste das auch bei Erwachsenen funktionieren! Warum nicht für ein Ehepaar aus der Gastronomie die Trauansprache live kochen? Die Zutaten standen symbolisch für das was eine gute Ehe braucht: Liebe, Freude, Ernsthaftigkeit, Treue und so fort. Gott ist die Flamme, die alles zu einem guten Gericht verbindet.

Ich achte allerdings immer darauf, dass hinter einer außergewöhnlichen Form oder Handlung im Gottes-dienst ein inhaltlicher Sinn steht. Ein Gottesdienst in anderer Form sollte Menschen einen neuen Zugang zur Botschaft des Evangeliums eröffnen. Die außergewöhnliche Handlung darf nicht Selbstzweck für sich sein. Ein Torwandschießen im Gottesdienst anlässlich der Fußballweltmeisterschaft zu veranstalten, ist sinnfrei und wird auch nicht gut ankommen. Es wird Gottesdienstbesucher verschrecken oder gar verärgern. Wird es aber inhaltlich eingebunden, dann sieht es gleich ganz anders aus.

Die Gottesdienstbesucher sollten vorher informiert sein, dass es ein Gottesdienst in anderer Form ist. Dann können sie entscheiden, ob sie sich darauf einlassen oder ob sie vielleicht in einen anderen Gottesdienst gehen möchten. Und ein Gottesdienst in anderer Form sollte genau das sein: Nämlich einmal anders, gegenüber den ansonsten agendarischen, gewohnten Gottesdiensten. Wenn die Ausnahme die Regel wird, wird sie niemand mehr überraschen.

Wesentlich ist mir, dass ich so einen besonderen Gottesdienst im Team entwickle. Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus der Gemeinde, möglichst auch ein Kirchenvorsteher, sollten dabei sein. Mehrere Köpfe denken besser und haben ein breiteres Spektrum an Gemeindebild.

Kabarettgottesdienste

Manchmal drängen sich die Themen und die Formen geradezu auf: Bei uns am Ort traten in einer Wirtschaft jedes Wochenende Kabarettisten auf. Die hatten auf ihre Art, der Menschheit die Wahrheit zugespitzt zu sagen. Das will ein Gottesdienst auch. Also wuchs die Idee zu einem Kabarettgottesdienst. Der erste ging zugegebenermaßen fast daneben - Rückschläge gibt es bei Experimenten auch. Der Kabarettist war zwar gut. Nur er spukte in seinem Auftritt Feuer. Davon hatte er vorher nichts gesagt. Die Aussage kam gut rüber. Aber für den Kronleuchter bedeutete es, abgenommen und zu einer Spezialfirma zum Polieren gebracht zu werden. Das nächste Mal wurden die Absprachen ganz genau getroffen.

Der zweite Kabarettist, der mit mir einen Gottesdienst gestaltete, war Volker Heißmann; ja, genau der von Waltraut und Mariechen. Er macht das inzwischen öfter. Aber mit ihm zusammen habe ich den ersten Kabarettgottesdienst entwickelt. Die Kirche war brechend voll. So ein Name zieht. Wesentlich aber war: Es war inhaltlich gut. Nicht nur äußerlich witzig. Das schon auch. Aber hier in der Kirche zeigte Heißmann, der auch Kirchenvorsteher ist, eine nicht vermutete Ernsthaftigkeit. Er sprach über den Glauben, predigte mit mir um die Wette und sang. Andere Kabarettisten folgten.

Gottesdienste im Grünen

In unserer ehemaligen Gemeinde fand ich einen besonderen Gottesdienst im Freien vor: Die Reiterandacht zum Georgiritt. Das ist ein Pferdeumzug durch die Fluren und zur Kirche mit anschließender Andacht und Reitersegnung. Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelten wir zusammen mit den Menschen der Gemeinde andere Gottesdienste im Grünen. Am Jakobsweg feierten jedes Jahr die Gemeindeteile, die am Weg liegen, einen Jakobsgottesdienst im Zelt oder in der Scheune. Aber warum nicht einen Gottesdienst auf dem Weg feiern? Also gehend, wandernd. An einer Quelle starten und den Gottesdienst beginnen, wo ein Wasserlauf beginnt. Dem Weg folgen. Den eigenen Lebensweg gehend bedenken. Die Dinge am Wegesrand beachten, die Schöpfung preisen. Und ein Ziel haben: Ankommen an einer Kapelle. Gestärkt werden, den Gottesdienst mit Posaunenchor beschließen. Gemeinsam im Freien essen und trinken.

Der andere Wanderweg ist der Sagenweg. Einmal im Jahr gibt es das Sagenfest mit Rittermarkt. Für mich eine selbstverständliche Sache, den Sonntag mit einem Gottesdienst im Rittermarkt zu beginnen.    

                              Martin Bek-Baier

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