Gespött
Timo wäre am liebsten im Erdboden versunken. Er wurde zum Gespött der ganzen Klasse.

"Welt - ich bin wieder da"

"Sebastian Thile ist voll drauf angesprungen. Was für ein Depp! Als würde es irgendwen interessieren, wer welches Mäppchen hat. Thomas macht sich schon voll in die Hose vor Angst. Er hat das Mäppchen seiner Schwestern. Das ist noch gut, hat seine Mutter gesagt. Wir haben nicht ständig Geld, was Neues zu kaufen, wenn die Sachen noch in Ordnung sind. Aber ich glaube, der fürchtet sich wirklich, wenn die Schule wieder los geht. Das hat er mir alles mehr so privat geschrieben. Da müssen wir uns dann ein bisschen um ihn kümmern", erklärte Christian.Thomas, ihr Klassenkamerad war unheimlich nett, ein wenig linkisch und schüchtern.

Daheim war er der Jüngste in einem reinen "Weiberhaushalt", wie er das nannte. Mit seiner Oma, der Tante, Mutter und zwei Schwestern wohnten sie in einem sehr kleinen Haus am Stadtrand. Er hatte es nicht leicht unter all den Damen. Sie sagten ihm ständig, wo es lang ging. Und weil er so ein netter und gutmütiger Kerl war, ließ er vieles über sich ergehen. Wenn seine Oma einen ansah und mit sehr bestimmter Stimme sagte: "Schluss jetzt - so ist es!", dann brauchte man mit ihr nicht weiter zu diskutieren.

Das hatten Timo und Christian bei den vielen Besuchen im kleinen Häuschen schon festgestellt. Aber sie mochten ihn sehr. Denn wenn er mal all die Angst vor anderen verloren hatte, war er ein wahnsinnig schlauer und witziger Kerl. Die Damen daheim mussten ihm ganz schön zu­setzen. Und Sebastian Thile ebenso. Der hatte leichtes Spiel mit dem Jungen, der immer ein bisschen verschüchtert wirkte.

"Logisch beschützen wir ihn", sagte Timo.

"Und sonst so - alles senkrecht?", fragte Christian.

"Jo. Muss", gab Timo zurück und überlegte, ob er seinem Kumpel die Geschichte mit Luther erzählen sollte. Manchmal konnte er es immer noch nicht so recht glauben, dass er da diese Stimme hörte. Wie sollte er das dann seinem Freund vermitteln?

Vielleicht würde er ihn mit einem sehr merkwürdigen Blick anschauen und wahrscheinlich heimlich einen Termin mit seiner Mutter ausmachen. Sie war Psychotherapeutin und sehr nett. Aber die Vorstellung, dass er bei ihr in der Praxis saß - neben sich eine große Schachtel mit Kleenextüchern, die dort immer auf dem Beistelltisch stand - begeisterte ihn eher weniger. Konnte man so eine Geschichte seinem Freund erzählen, ohne gleich den Stempel "bekloppt" zu  bekommen?

Also erzählte er ihm erst einmal vom Urlaub. Wie nett zelten eigentlich doch war, obwohl er es nicht geglaubt hatte. Er berichtete von der Gewitternacht. Und der Gesichtsausdruck von Christian spiegelte genau die richtige Reaktion wider: Grusel pur. Timo war sehr zufrieden mit sich, weil er offensichtlich gut erzählen konnte. Sonst hätte Christian bestimmt verstohlen hin und wieder auf sein Handy geschaut, wäre mal aufgestanden, um aus dem Fenster zu sehen, oder hätte sich was zu trinken geholt. So aber saß er da, den Mund leicht geöffnet und hörte zu.

"Alter, krass!", entfuhr es ihm hin und wieder.

"Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich dieses Referat noch halten muss - irgendwann?"

"Wie kommst du jetzt da drauf?"

Christian stutzte. Gerade war er noch mit Timo geistig beim Zelten und jetzt fing er mit Schulkram an.

"Du meinst das Zeug über Luther? Für den Wagner? Oh Mann - ja. Der war ja vielleicht sauer. Wie ungerecht der war. Aber typisch für den!", empörte sich Christian.

Sebastian Thile hatte vor der ganzen Klasse erzählt, dass Timo die Toilette absichtlich geflutet hätte. Mit ganz viel Klopapier.

Als Beweis, zeigte er auf ein Blättchen, das irgendwie an Timos Bein hängen geblieben war. Alle gröhlten und lachten. Das war ein so peinlicher Moment gewesen, als Sebastian Thile das Blättchen von ihm abzupfte. Dass die Toilette schon länger defekt war, wussten zwar alle, aber sie fanden diesen Spaß unheimlich komisch - auf Kosten von ­Timo.

"Gruppendynamik", sagte seine Mutter bei solchen Geschichten immer. "Wenn der Mob was zu lachen hat, machen erst einmal alle mit. Unschön, aber so ist das, Junge. Merk es dir und sage 'Nein', wenn du so was mitbekommst."

Der Religionslehrer => weiter