Serie: Frischer Wind, Teil 14

Band
Band in Brasilien. Foto: Bek-Baier

Über den Tellerrand schauen - wie funktioniert Kirche in Brasilien?

"Kirche gibt es nicht nur um den Kirchturm rum, sondern rund um den Globus", denke ich mir gerade, als ich freundlich an der Kirchentüre in São Paulo begrüßt werde. Da ich niemand kenne, bin ich sehr froh, dass jemand da ist und mit mir kurz spricht, bevor ich in die Kirche gehe. Obwohl das Kircheninnere ganz anders als meine Kirche zu Hause ist, fühle ich mich gleich wohl. Am Platz werde ich von meinem Nachbarn freundlich angelächelt und wir tauschen ein paar Worte aus.

Der Gottesdienst beginnt wie zu Hause mit Musik. Allerdings ist es keine Orgel, sondern ein kleiner Chor, begleitet von Gitarre und Querflöte, und er stimmt mich mit einer ruhigen Melodie auf den Gottesdienst ein. Der Ablauf ist einfach, sodass ich mich gut zurecht finde. Die Lesungen werden gut vorbereitet von Lektorinnen vorgetragen. Die Sprache der Lieder ist verständlich und die Melodien, ob schwungvoll oder mehr meditativ, werden von der Gemeinde mit viel Hingabe mitgesungen. In der Mitte des Gottesdienstes steht die Predigt. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was ich von zu Hause her kenne. Bei den Abkündigungen der Gemeinde kommt viel Leben in die Kirche. Verschiedene Leiter von Gruppen laden zu ihren Treffen ein. Einige Geburtstage werden bekannt gegeben und Gebetsanliegen erwähnt. Ich werde begrüßt und kann ein paar Worte zu meinem Aufenthalt sagen. Bei den Gebeten kommen sowohl die Anliegen der Gemeinde als auch die weite Welt vor.

Ich frage mich: "Was ist der Grund dafür, dass sich so viele Ehrenamtliche in dem Gottesdienst engagieren?"

Zu dem Thema frage ich den lutherischen Kirchenpräsidenten der evangelischen Kirche Brasiliens, Nestor Friedrich: "Unsere Kirchengemeinden sind vereinsmäßig geführt. Jede Kirchengemeinde ist autonom. Die Verwaltung sowie die rechtliche Verantwortung der Kirchengemeinde liegen in der Hand des gewählten Kirchenvorstandes. Er wird in der Generalversammlung alle zwei Jahre neu gewählt. Zeichnungsberechtigt ist der Gemeindepräsident und nicht der Pfarrer, der zwar geborenes Mitglied im Kirchenvorstand ist, aber die Leitung liegt beim Kirchenpräsidenten", fährt er fort.

Vorteile

Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden haben große Möglichkeiten, in der Evangangelisch-Lutherischen Kirche Brasiliens bestimmend mitzuwirken. Dadurch gibt es ein hohes Engagement seitens der Ehrenamtlichen.

Sie predigen, übernehmen Gottesdienste, wenn kein Pfarrer zur Verfügung steht. Die verschiedenen Gruppen in den Gemeinden werden von Ehrenamtlichen geleitet. Der Pfarrer kann sich auf seinen Schwerpunkt als Fachmann für die theologischen Inhalte konzentrieren. Durch die hohe Verantwortung, die die Ehrenamtlichen übernehmen, sind sie an dem Gemeindeaufbau und an der Mission der Gemeinde sehr interessiert.

In den großen Gemeinden ist ein Pfarrer für bis zu 2.500 Gemeindeglieder verantwortlich. Dies ist nur leistbar, indem die Gemeindeglieder bereit sind, Aufgaben zu übernehmen.

Jessica Lais Kriese ist aktiv in der lutherischen Kirche Brasiliens und beschreibt deshalb die Kirche sehr positiv: "Die Gemeindeglieder engagieren sich in der Kirchengemeinde sehr stark. Sie kümmern sich darum, dass das Gemeindeleben attraktiv gestaltet wird. Die Kinder- und Jugendgruppen sind zahlenmäßig sehr stark. Außenstehende werden davon angezogen und treten häufig später auch in die Kirchengemeinde als Mitglieder ein. Jugendliche finden eine gute Heimat in den angebotenen Aktivitäten. Frühzeitig werden sie mit Leitungsfunktionen konfrontiert und lernen dadurch für ihr Leben."

Zur Aufgabe des Pfarrers und der Pfarrerin äußert sich Daniela Schmid. Sie macht augenblicklich ihr Spezialvikariat in der Stadt Joinville, Brasilien: "Als Hauptamtliche schaue ich, dass ich mit den verschiedenen Gruppen im Dialog stehe, damit die Kirchengemeinde nicht auseinanderfällt. Es gibt viele Möglichkeiten der Gestaltung des gemeindlichen Lebens, weil ich mit der Mitarbeit der Ehrenamtlichen rechnen kann und dies macht mir sehr viel Freude."

Nachteile

So klagt der Pfarrer Paulo Butzke, dass er in seiner Gemeinde häufig als Angestellter gesehen wird. "Wenn kein guter Dialog zwischen Kirchenvorstand und Pfarrer zustande kommt, dann erschwert dies die Situation der Hauptamtlichen. Gut miteinander zu kommunizieren und aufeinander zugehen sind die Grundlagen, damit dieses System gut funktionieren kann."

Von anderen lernen

Die Menschen fühlen sich direkt angesprochen und identifizieren sich sehr stark mit der eigenen Kirchengemeinde. Dadurch, dass die Ehrenamtlichen auch in die rechtliche, administrative und finanzielle Verantwortung für die Kirchengemeinde hineingenommen sind, wird eine hohe Sensibilität für die Belange der Gemeinde geschaffen.

Mit den Aufgaben wachsen auch die Fähigkeiten der Ehrenamtlichen und die Gaben und Talente liegen nicht brach.

Allerdings sind die Fort- und Weiterbildungen sowohl der Ehrenamtlichen als auch der Hauptamtlichen in Bezug auf eine gute Zusammenarbeit in allen Bereichen ein wichtiger Grundstein für die Überwindung von Interessensgegensätzen. Schön ist es, dass die Kirche einladend ist. Dies macht die Gottesdienste nicht nur für mich als Besucher attraktiv. Im Anschluss an den Gottesdienst freue ich mich, dass Gemeindeglieder auf mich zukommen und ich gehe fröhlich und beschwingt an diesem Sonntag in die neue Woche hinein.
   

                            Hans Zeller

Hans Zeller ist Referent der bayerischen Landeskirche für Lateinamerika bei Mission EineWelt in Neuendettelsau. Er hält die Kontakte zu den lutherischen Kirchen, vermittelt in der Zusammenarbeit und kümmert sich um Mitarbeiter, die aus Bayern in eines dieser Länder entsandt wurden. Zuvor war er unter anderem Gemeindepfarrer in Belo Horizonte (Brasilien) und Schwaig bei Nürnberg. Der heute 63-Jährige wohnt mit seiner Familie in Beringersdorf.

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