Serie: Frischer Wind, Teil 11

Kirchendach
Komm in unser festes Haus, mach ein leichtes Zelt daraus! Foto: Zeuner

" ... denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist"

Neulich feierte ich einen Gottesdienst. Eine überschaubare aber akzeptable Zahl an älteren Menschen und ein paar jüngere hörten mir interessiert zu. Wir sangen und beteten in einer Friedhofskapelle auf einem niedersächsischen Dorf zu Himmelfahrt.

Nach dem Gottesdienst blieb die Tür offen stehen. Von draußen leuchtete Pfingstgrün hinein. Eine Frau aus dem Kirchenvorstand, die den Küster- und Lesedienst übernommen hatte, der engagierte Kantor und ich blieben noch eine Weile zusammen. Wir redeten über die Zukunft und die Lieder, die man wohl singen muss. Sie sagte: "Wir machen jetzt Abendgottesdienste, die werden gut angenommen, aber wir machen das nur alle viertel Jahr." Ich bemerkte, dass sich eins geändert hat seit meiner Abreise aus Deutschland 2002. In den Gemeinden gibt es jetzt neue Liederhefte.

Wir schauten in die offene Tür und sie, die engagierte Kirchenvorsteherin, sagte plötzlich entschlossen: "Es muss sich etwas ändern, sonst können wir die Tür bald zumachen." Mir gefiel das: Wenn wir als Gemeinden begreifen, dass Aufbruch gemeint und an der Zeit ist.

Zeitsprung

Mich hat der Geist Gottes zurückgeweht aus der Diasporakirche Österreichs in die bundesdeutsche Kirchenlandschaft. Mit einem Zeitsprung von zwölf Jahren. Was ist geschehen in dieser Zeit, so frage ich mich? Gar nicht so viel, stellte ich ernüchternd fest. Die Bilder gleichen sich. Die sonntäglichen Kirchenbänke sind nicht gefüllt, aber auch nicht leer. Das öffentliche Gerede über Kirche ist schroffer geworden. Meine Schüler in Berlin haben oft einen ehrlichen 'Nicht-Bezug' zur christlichen Thematik, obwohl sie die Schulbank in einer evangelischen Fachschule für soziale Berufe drücken. Es gibt mittlerweile alternative Gottesdienstangebote, aber sie treffen nicht selten nur eine spezielle Klientel und bleiben somit 'im Zelt'.

Was Kirche zu politisch relevanten Themen sagt, ist noch immer gefragt. Darin kann eine Chance liegen. Da darf sich die Evangelische Kirche in Deutschland nicht an internen Fragen zerreiben. Ob die Aktion 'Luther 2017' der 'Bringer' schlechthin wird, bezweifele ich persönlich, denn seien wir ehrlich: Er ist noch Kulturgut und als solches akzeptiert, aber aktuell ist er bei den meisten nicht mehr wirklich. Dennoch ist es gut, eine laute bundesweite große Kampagne zu haben.

Ich denke, dass Plakate mehr Aufmerksamkeit bringen, die offen die Gottesfrage stellen: An der Autobahn Magdeburg Berlin gibt es ein Plakat, auf dem steht: "Ich halte Dich - GOTT." Kilometerweit ist es sichtbar und für den Autobahnraser zu verinnerlichen. Oder auch die gewiss etwas flache Werbung des BibelTV, die ich täglich auf dem Weg zur Arbeit sehe ('Gott statt Schrott').

Ja - in Zeiten wie diesen ist es schwer, sich in der Öffentlichkeit zu platzieren. Die 'Öffentlichkeit als solche' ist in den letzten Jahren immer weniger greifbar geworden. Was wäre wohl ein Platz für die Kirche im Umbruch? Ein Kinosessel - mal ausklappbar, mal in sich gekehrt und bei sich bleibend?

Mir fällt dabei immer ein Satz von Luther ein, der viel zitierte: "Und wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Als Kirche müssen wir da dran bleiben: pflanzen, setzen, säen, auch steinige und verwahrloste Böden beackern.

Das ist harte Arbeit. Im Megapensum eines Pfarrers in der heutigen Zeit ist das kaum zu schaffen. Es ist ein Spagat von Verwaltung, Multitasking, Streichungen und Zusammenlegungen. Dabei darf auch noch gute seelsorgerliche und gottesdienstliche Arbeit keinesfalls zu kurz kommen.

Kirche als Zelt

Als ich das 2. theologische Examen in der Tasche hatte, schrieb ich ein Gedicht und las es Freunden vor. Es existiert nicht mehr, aber der Gedanke blieb: 'Kirche als ein Zelt', unterwegs, sich wandelnd, durchsichtig und licht-leicht: das wandernde Gottesvolk - unterwegs zu den Menschen.

Im Lied von Hans Graf von Lehndorff, das ich in meiner Zeit als Pfarrerin immer wieder singen ließ, gibt es eine Strophe, die das besingt: "Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen, mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen; denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist."

Hoffnung für die Zukunft

Ohne Hoffnung ist unser Bemühen nichts: Bei Festen und 'Events', wenn wir uns raus bewegen und pilgern, wenn das Zelt wandert, haben wir durchaus Zulauf und Schnuppergäste. Wenn das Zelt durchlässig wird, dann noch - und nur dann wohl - hat Kirche auch für die Zukunft eine Chance.

Aber ich bin überzeugt, dass wir auch unser 'Kerngeschäft' weiter tun müssen, mit und ohne Öffentlichkeit, sozusagen als Liturgie durch die Zeiten - das beruhigt und macht stark.

Ich vertraue bei aller Verunsicherung in kirchlicher Arbeit auf Diet­rich Bonhoeffers Wort an seinen Patensohn. "Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend wie die Sprache Jesu."

Wenn man heute davon spricht, dass ein Großteil der Bevölkerung "religiös unmusikalisch" ist, dann will ich das, auch aufgrund meiner jüngsten Unterrichtserfahrungen im weltlichen Berlin, nicht nur glauben. In Österreich habe ich eine ­Ausbildung in Kindertheologie und -philosophie gemacht. Dabei habe ich gelernt, dass Kinder und Jugendliche ihre religiösen Gedanken und Gefühle geradezu poetisch ausdrücken können.

Warum sollten das nicht auch erwachsene Menschen wieder 'lernen' können? Ich auf jeden Fall möchte genau dabei Geburtshelferin sein. Im Unterricht, in der Seelsorge - mitten in meinem Alltag - und auch - ab und zu - auf der Kanzel.

                         Johanna Zeuner

Die Autorin, 49, ist Theologin und derzeit im Schuldienst an einer Berliner Evangelischen Fachschule für soziale Berufe.        

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