Serie: Frischer Wind, Teil 3

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Das Internet als Chance

Facebook, Twitter, überhaupt Social Media: Die "sozialen Medien" haben die Kommunikation vieler Menschen stark verändert. Junge Leute haben oft gar kein richtiges Telefon mehr - das bisschen telefonieren geht auch mit dem Handy. Doch das Meiste läuft über andere Kanäle, das Telefon hat ausgedient.

Ältere Menschen erinnern sich möglicherweise noch an die Zeit, als selbst ein Pfarramt noch ohne Telefon auskam. Ähnlich war es viele Jahre später mit der E-Mail-Adresse. Heute ist jedes noch so kleine Pfarramt per Telefon und E-Mail erreichbar.

Nun kommt also der nächste Schritt - oder auch nicht? Müssen wir als Gemeinden, Pfarrämter, Christinnen und Christen da mitmachen? Zunächst einmal: Wie funktioniert Social Media überhaupt? Letzten Endes sind alle Dienste ähnlich, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Sie melden sich mit Ihrem eigenen Namen oder einem Pseudonym an und schreiben etwas. Wer mit Ihnen "befreundet" ist, bekommt diesen Text auf dem eigenen Computer oder Smartphone angezeigt. Und dann geht es los, denn ein Kommentar ist schnell geschrieben. Oder man gibt den Beitrag eines anderen weiter an die eigenen Freunde. Alle können mitmachen, ohne große Hürden. Eigentlich ein zutiefst evangelisches Prinzip für die Kirche: Das "Priestertum aller Gläubigen". Alle sind gleichberechtigt. Alle sind gleich wichtig. Finden wir hier zu einer neuen Form von Gemeinde?

Manches deutet tatsächlich darauf hin, dass hier auch neue Gemeindeformen entstehen können. Es entstehen Andachten im Internet; jeden Abend um 21 Uhr beispielsweise versammelt sich eine schon recht groß gewordene Gemeinde unter dem Stichwort "Twomplet" (Twitter-Komplet) zu einem Abendgebet auf Twitter. Und es funktioniert: Gebetsgemeinschaft, völlig unabhängig vom Ort, alle können sich einbringen. Vielleicht klingt das  sehr fremd für Sie. Für Menschen, die jeden Tag selbstverständlich den Computer nutzen, ist so eine Gebetsform naheliegender als der Gang zur Kirche.

Und all das findet gewissermaßen in der Öffentlichkeit statt. Alle können mitlesen, was da geschrieben wird. Können sich einklinken, selbst beitragen oder auch einfach nur mitlesen. Hier im Internet finden Sie schnell Kontakte und Gleichgesinnte für Ihre Themen. Hier kann Ihre Meinung tatsächlich gehört werden. Das kann manchmal sehr schnell gehen: Das Foto von dem 2009 in der  Hudson Bay notgewasserten Flugzeug beispielsweise ging innerhalb von wenigen Minuten um die Welt.

Das ist natürlich auch eine Chance für uns als Kirche: Was uns als Christen bewegt, können wir mit der ganzen Welt teilen. Wir können Einfluss nehmen darauf, worüber die Menschen sprechen und wie sie darüber sprechen. Wir können teilhaben an der allgemeinen Meinungsbildung, der Diskussion über alle möglichen Themen. Ein von evangelisch.de veröffentlichtes Gebet zum Absturz der Germanwings-Maschine erreichte allein auf Facebook etwa 28.000 Menschen, weil es immer weiter geteilt wurde. Prinzipiell hat jede Äußerung in den sozialen Medien die Chance, so bekannt zu werden - wenn sie andere berührt, zum Nachdenken oder zum Lachen bringt, so dass sie sie wiederum mit ihren Bekannten teilen.

Ich persönlich glaube nicht, dass das Internet einsam macht, wie es oft dargestellt wird, ganz im Gegenteil: Menschen, die im Internet zu Freunden geworden sind, treffen sich auch im "wirklichen Leben", unternehmen etwas zusammen. Im Jahr 2013 habe ich eine ganze Reihe junger Leute trauen dürfen - und alle haben auf die Frage, wie sie sich denn kennen gelernt haben, geantwortet: Im Internet.

Trotzdem gibt es natürlich auch die Schattenseiten. Verdächtigungen schaukeln sich hoch, Beleidigungen sind schnell hingeschrieben und immer wieder nachlesbar, der Ton in manchen Bereichen des Internet kann sehr schnell sehr rau werden. Vielleicht haben Sie schon mal von "Shitstorms" gehört. Da macht jemand einen Fehler - und innerhalb von wenigen Stunden prasseln auf ihn manchmal Hunderttausende von wütenden Meldungen herein, oft bis hin zu Morddrohungen.

Eine Managerin eines großen Konzerns schrieb einen, zugegeben, ziemlich blöden Satz auf Twitter und stieg für viele Stunden in einen Langstreckenflug nach Südafrika. Als sie dort ankam, hatte sie Zehntausende von Reaktionen - unter anderem die Kündigung von ihrem Arbeitgeber. Die "sozialen Medien" können ein wunderbarer Ort sein - sie können aber auch knallhart und nachtragend sein.

Jeder Christ, jede Christin ist da gefragt. Zum einen, um "unsere" Themen einzubringen, auch auf die Gefahr hin, einmal schief angesehen zu werden. Zum anderen auch, um solchen Schattenseiten entgegenzuwirken. Um auf der Seite derjenigen zu stehen, die möglicherweise zu Unrecht angefeindet werden.
Nicht alle müssen da mitmachen, zumindest bis jetzt noch nicht. So, wie auch nicht alle Pfarrämter gleichzeitig ein Telefon brauchten. Aber ich denke: Es ist gut und segensreich, wenn wir uns aktiv und als Christen erkennbar beteiligen. Vielleicht sehen wir uns ja? Ich freue mich auf die Vernetzung mit Ihnen.

                         Heiko Kuschel

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