Serie: Frischer Wind, Teil 2

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Pfarrerinnen und Pfarrer schreiben Ideen auf, wie Kirche auch aussehen könnte

Die Pfarrerin Christiane Müller ist seit einiger Zeit vom kirchlichen Dienst und dem Pfarramt in Coburg beurlaubt. Zu vieles gab es, womit sie nicht mehr leben wollte. Im Sonntagsblatt macht sie sich  - und einige ihrer Kollegen - in den nächsten Wochen Gedanken darüber, wie Kirche auch sein könnte. Welche Kreise frische Ideen ziehen könnten. Es sind keine "fertigen Modelle", sondern Anstöße, die zum Denken anregen wollen. Gedanken beim Kochen

Seit ich nicht mehr als Pfarrerin arbeite, habe ich Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über unsere kirchlichen Strukturen. Auch über mich selber darin, wie ich sie erlebt habe in den letzten zehn Jahren. Über das Neue Testament. Und was darin über die ersten christlichen Gemeinden steht. Dabei ist mir eine Sache ganz besonders aufgefallen: Die christlichen Gemeinden im Neuen Testament sind, wenn man der Apostelgeschichte und den Briefen des Apostels Paulus glauben darf, allesamt Hausgemeinden gewesen. Es heißt dort: Sie trafen sich reihum in den Häusern und teilten miteinander das Brot und hörten auf die Lehren der Apostel. Vorher, bei Jesus, war es noch mal ganz anders. Da gab es überhaupt keine Kirchengemeinde im Sinne einer Ortsgemeinde. Sondern Jesus und seine Jünger waren miteinander auf dem Weg. Viel zu viele?

Wir erleben Kirchengemeinden als Gebilde mit einer im Vergleich enormen Mitgliederzahl. In meiner ehemaligen Gemeinde sind es 2400 - das ist eine eher größere, aber mehrere hundert sind es immer. Ich meine: Viel zu viele. Manchmal bilden sich innerhalb dieser sehr großen Gemeinden kleinere Zellen, z.B. Hauskreise, lesen in der Bibel und unterstützen sich gegenseitig im Alltag. Und eben das ist es, was auf Außenstehende anziehend wirkt - nicht unpersönliche Riesengemeinden, bei denen keiner vom anderen weiß.

Ich überlegte weiter: Wie wäre es denn, dieses "Hauskreismodell" komplett von den existierenden Gemeinden zu lösen - also einmal bewusst aus diesen Strukturen auszubrechen und sie aufzubrechen.

Ich begann zu träumen. Die Kirchengemeinde meiner Träume hat nicht 2000 und auch nicht 500 Mitglieder. Sondern sie ist ein lockerer Verbund mehrerer kleiner Gruppen und Kreise, deren Mitglieder sich verbindlich einbringen. Vielleicht feiern diese Gruppen ab und zu gemeinsam einen Gottesdienst oder organisieren ein Fest, aber sie leben weitgehend autark.

Jesus ist mit zwölf Jüngern durch die Lande gezogen, nicht mit mehr. Wenn wir dem Neuen Testament glauben dürfen, gab es neben diesem Zwölferkreis eine Art erweiterte Anhängerschaft. Einmal heißt es 70 oder 72. Das ist eine überschaubare Gruppe. Trotzdem erlaubt diese Zahl eine gewisse Pluralität, wie wir an den verschiedenen Charakteren der Jünger ja gut studieren können. Thomas der Zweifler, Petrus der (gar nicht so) Standhafte, Johannes der Anhängliche, und, ja Judas der Verräter - auch er war mit dabei, auch er durfte mit Jesus gehen. Das zu wissen ist gut, wenn wir meinen, eine christliche Gemeinschaft müsste unbedingt perfekt sein. Sie war es auch damals nicht.

Ein neuer Versuch

Wie wäre es mit folgendem Versuch: Das, was wir vom Glauben begreifen, in überschaubaren Gruppen mit nicht mehr als zwölf Personen zu leben? Zwölf Personen, das können sein: Zwei Familien. Eine Gruppe Studenten. Eine erweiterte Familie mit ein paar Freunden. Eine Hausgemeinschaft. Jedes mal, wenn die Zwölf überschritten wird, wird die Gruppe geteilt. Die Gruppen sind offen für ganz unterschiedliche spirituelle Prägungen, ja sogar für Menschen, die sich nicht zum christlichen Glauben bekennen, aber einfach mal ausprobieren wollen, was an der Sache dran ist. Man trifft sich , man liest zusammen in der Bibel und überlegt gemeinsam, wie man das Gelesene in die Tat umsetzen kann. Es braucht keine kirchlichen Räume, sondern es genügt ein mittelgroßes Wohnzimmer, um miteinander Gottesdienste oder Andachten zu feiern.

Was wären die Vorteile eines solchen Modells? Wir würden wieder ernst machen mit der Nachfolge Jesu. Bräuchten wir die Kirche als Institution dann noch? Als Jesus Petrus versprach, dass die Kirche niemals "von den Pforten der Hölle überwältigt" werden würde, da meinte er eben nicht eine bestimmte Institution, sondern er meinte die Gemeinschaft der Glaubenden.

Was braucht es, um Kirche zu sein? Nach dem Zeugnis der Reformatoren eigentlich nur das Wort Gottes, Taufe, Abendmahl und Menschen, die sich darum versammeln. Alles andere kann sein - muss aber nicht zwingend.    

                            Christiane Müller